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Freitag, 11. November 2016

Die Mitte der Welt - Filmrezension



Die Mitte der Welt, ein einmaliges Buch. Ein Buch, das schon Generationen von Lesern begeistert. In den neunzigern erschienen, ist es inzwischen ein Klassiker und immer noch beliebt bei jungen Lesern. Andreas Steinhöfel hat einen wunderbaren Roman geschrieben, der für mich immer weniger ein Jugendbuch als vielmehr ein Buch für alle Leser war, die sich für gute Coming-of-Age Geschichten begeistern.
Am Mittwoch war ich auf der Premiere in Hamburg mit Anwesenheit des Autors, des Regisseurs und des Darstellers Jannik Schümann. Ein tolles Erlebnis mit einem Film der mich positiv überrascht hat.
Er erzählt die Geschichte von einer Familie und einem jungen Mann, der sich selbst und seinen Platz in der Welt sucht. Phil und seine Zwillingsschwester Dianne wachsen in unkonventionellen Verhältnissen auf. Ihre Mutter Glass bekam sie mit siebzehn und wanderte von Amerika in eine deutsche Kleinstadt aus, wo sie mit ihrer Hippieattitüde und wechselnden Männergeschichten aneckt. Dort leben sie in einem großen halb zerfallenen Herrenhaus, genannt Visible. Die Atmosphäre dieses mystischen aus der Zeit gefallenen Hauses, fängt der Film in eindrucksvollen Bildern ein. Auch wenn das Haus eine nicht ganz so große Rolle spielt, wie im Buch, hat mich seine Darstellung überzeugt.
Phil ist schwul und hat sein Coming-out längst hinter sich. Mit seiner besten Freundin Kat durchlebt er einen Sommer, der sie alle verändert. Als er nach einem Feriencamp nach Hause kommt, bemerkt er gleich, dass zwischen seiner Schwester und seiner Mutter eine eisige Distanz herrscht. Niemand redet darüber, was passiert ist und Phil fühlt sich einsam und unverstanden. Seine Mutter hat mal wieder einen neuen Freund, verrät ihm aber immer noch nicht, wer sein richtiger Vater ist.
Da kommt der neue Mitschüler Nicholas in seine Klasse und Phil verknallt sich auf den ersten Blick. Er beobachtet Nicholas beim Laufen, bis der ihn einlädt, doch einfach mit ihm auszugehen. Schnell entwickelt sich etwas zwischen den beiden. Bleibt nur das Problem, das Kat Nicholas nicht leiden kann und dass Nicholas so distanziert bleibt und kaum etwas von sich preis gibt.
Beim anschließenden Gespräch verriet der Autor, dass er Nicholas immer mehr als Projektionsfläche für die anderen Figuren verstanden hat. Etwas, was ich im Buch ein wenig schade fand, da er so recht blass bleibt. Ich habe es immer so interpretiert, dass er seine eigene Unsicherheit hinter seine Coolness versteckt und es ihm schwerfällt, seine Gefühle einzugestehen. Lediglich dass er Dinge sammelt und sich Geschichten für sie ausdenkt, verrät er Phil. Im Film gibt Jannik Schüman ihm ein wenig mehr Charakter und beide Darsteller scheuen sich nicht, sich nackt zu zeigen. Es gibt deutliche Liebesszenen, wo im Buch eher ausgespart wird. Teilweise war mir das schon etwas zu viel, andererseits waren die Szenen sehr geschmackvoll eingefangen.
Der Film legt klar den Fokus auf Phil und seinen Weg zum Erwachsenwerden. Aber auch die Beziehung zu seiner Mutter, zu seiner Schwester und die Suche nach seinem Vater kommen nicht zu kurz. Sabine Timoteo spielt Glass mit einer starken Präsenz. Es hat mir gut gefallen, dass bei ihr immer wieder der amerikanische Akzent und einige englische Ausdrücke durchkamen. Dagegen fand ich die anderen Nebendarsteller leider etwas blass. Vor allem da vor allem Louis Hofmann als Phil absolut überzeugt. Ein neues Talent für den deutschen Film, von ihm wird man hoffentlich noch viel hören. Es würde mich nicht wundern, wenn er einige Preise gewinnt.

Auch das Drehbuch ist sehr intelligent geschrieben. Natürlich kann ein Film nie alle Details des Buches übernehmen, die lesbischen Freundinnen von Glass, die für Phil eine Ersatzfamilie bilden, kommen etwas kurz und der väterliche Freund Gabe ist ganz weggelassen. Aber Jakob M. Erwa hat sehr geschickt die Gedankenwelt von Phil verbildlicht. So wird seine Sicht auf seine Nachbarschaft oder die möglichen Vaterfiguren mit witzigen Fotocollagen dargestellt. Während das Buch offen lässt, zu welcher Zeit es angesiedelt ist, spielt der Film klar in der Gegenwart. Whatsapp-Nachrichten werden beiläufig eingeblendet. So ist ein moderner und gleichzeitig zeitloser Film entstanden, der ein wenig positiver und leichter stimmt als das Buch. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber mir hat das Ende tatsächlich besser gefallen, als das im Buch und die Argumente Erwas, dass Phil dadurch stärker wirkt, konnte ich absolut nachvollziehen.
Auch Kamera und Schnitt muss ich hier loben. Allein die Anfangssequenz, wenn Phil und Dianne als Kinder durch das hohe Gras streifen ist ein Bild, das sich einem einbrennt. Es ist diese Frische und Leichtigkeit, mit der der Film erzählt, und es schafft tiefe Gefühle zu wecken, die mich begeistert hat. Wenn immer wieder symbolhaft der durch den Sturm zerstörte Wald eingeblendet wird. Wenn Glass mit den Kindern im Auto und "Bitsch" aufgesprüht im Kreis fährt, damit alle sie sehen. Wenn das Bild sich rosa färbt, als Phil Nikolas das erste Mal sieht. Aber neben dieser Leichtigkeit gibt es auch einige emotionale Momente. Als Dianne endlich gesteht, was passiert ist, habe ich und einige andere Besucher auch ein paar Tränen wegwischen müssen.
Es ist dem Film anzumerken, wie viel Zeit und Liebe Erwa hineingesteckt hat. Über acht Jahre hat er immer wieder bei Steinhöfel angerufen und ihn wegen der Rechte gefragt, die zuvor schon vergeben waren. Schon als Filmstudent nervte er den Regisseur und ließ nicht locker. Das muss man erst mal bringen und es hat sich ja gelohnt. Ich kann den Film nur jedem empfehlen, der mal wieder einen richtig guten Film übers Erwachsenwerden sehen möchte, der mit einer Selbstverständlichkeit queere Figuren zeigt, wie ich es nur selten gesehen habe. Von einigen habe ich schon gehört, dass sie das Buch sehr lieben und sich durch den Film nicht die Sicht darauf verfälschen lassen wollen. Ich kann nur empfehlen, Film und Buch unabhängig voneinander zu sehen. Dieser Film lohnt sich wirklich, ich wünsche ihm noch viele begeisterte Zuschauer. Mögen noch ganz viele Filme dieser Art folgen.







Sonntag, 19. Juni 2016

Imperia - Im Schatten des Drachen von Laurin Dahlem

Klappentext:

Der junge Landadlige Hao hat nur ein Ziel: der Kaisergarde beizutreten und dem Kaiserreich im Kampf gegen die rebellischen Yin beizustehen. Als sich sein Wunsch endlich erfüllt, ist sein Leben scheinbar perfekt. Doch bald schon kommen ihm erste Zweifel am unerbittlichen Regime des Kaisers, der alle Yin brutal auslöschen lässt. Bevor er sich versieht, wird Hao in ein Machtspiel aus Verrat, Intrige und Mord am Kaiserhof hineingezogen. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Kyu-Sung, Bastardsohn des Kaisers, der Gefühle in Hao weckt, die er sich lange nicht eingestehen will.


High Fantasy mit schwulen Figuren findet man genauso selten wie Fantasy mit asiatisch inspiriertem Setting. Ich liebe beides, also musste ich Imperia - Im Schatten des Drachen natürlich lesen, zumal ich den Autor kenne und schon einiges von ihm gelesen habe.
Imperia spielt in einer Welt, die mich an die von mir geliebten chinesischen Historienfilme erinnert haben, mit Elementen der asiatischen Sagenwelt. Und es erzählt eine ebenso epische und dramatische Geschichte über zwei Männer, die in einen Krieg verwickelt werden, bei dem es schwer ist, die Guten von den Bösen zu unterscheiden.
Von Anfang an hat mich die hohe Qualität des Textes beeindruckt, in meinen Augen hat sich der Autor sehr gesteigert.
Die Hauptfigur Hao ist ein junger Mann, der unbedingt in die Kaisergarde eintreten möchte, wie sein Vater. Dies ist sein größter Traum, dafür lebt er, dafür kämpft er. Warum er seinen Vater lange nicht gesehen hat und warum er keine Einladung zur Prüfung der Kaisergardenanwärter erhalten hat, hinterfragt er kaum. Als er zufällig seinem Idol, dem Bastardsohn und Kaisergardisten Kyu-Sung begegnet, ist er sofort fasziniert von ihm. Etwas verbindet beide gleich miteinander, etwas, was eigentlich gar nicht sein dürfte.
In dieser Welt hat jeder Mensch einen Lebensgeist, ein Wesen, das für andere unsichtbar ist, ein Freund, der einen immer begleitet. Aber die Geister, die hier Ankh-Nasgath genannt werden, können auch kämpfen. Haos Geist ist ein lustiger kleiner Drache, Kyu-Sungs ein bedrohlicher Kampfgeist. Und beide können sie den Ankh-Nasgath des anderen sehen, etwas, was sonst nie möglich ist.
So führt sie das Schicksal zusammen und sie entwickeln Gefühle füreinander. Doch das ist nur ein Teil der Handlung. Man ahnt früh, dass im Kaiserreich nicht alles zum Besten steht, dass Hao etwas sehr naiv ist in seinem Glauben an die Garde. Denn bald erfährt man, dass die Garde das Reich unterdrückt und viele Menschen sich gegen sie organisieren. Vor allem die Yin, die von der Garde gejagt werden. Ihre Form der Magie erachten sie als gefährlich. Vor langer Zeit waren sie die Herrscher des Landes. Und Hao muss sich entscheiden, auf welcher Seite er kämpfen will.
Imperia ist ein Buch über die Einsicht, dass jeder Kampf zwei Seiten hat und über Macht - die Macht des Einzelnen, über die Macht der Elite und die Macht des Volkes. Aber es ist auch ein Buch über die Macht der Liebe.

Bild aus dem Film Curse of the Golden Folwer. Imperia hat mich sehr an diese Art von Filmen erinnert.

Ich hatte lange mit einem anderen Ende gerechnet und möchte hier nicht zu viel verraten. Es bleibt das ganze Buch über spannend, da es immer wieder neue Wendungen gibt. Anfangs hatte ich ein wenig Probleme mit den Figuren warm zu werden. Hao hätte ich öfter gerne mal wachgerüttelt. Er bleibt sehr lange sehr naiv, während Kyu-Sung nicht von seinem starren Glauben abweicht und er mir nicht unbedingt sympathisch war. Aber ihr Verhalten ergibt für beide einen Sinn, sie werden dadurch bestimmt, wie sie aufgewachsen sind und wegen der detailliert gezeichneten fantastischen Welt habe ich das Buch dennoch sehr gerne gelesen.
Imperia ist ein spannendes Fantasybuch nicht nur für Gay Romance Fans. Da bleibt mir nur zu sagen: bitte mehr davon.

Takeshi Kaneshiro in Red Cliff. Wäre er nicht ein guter Kyu-Sung? Und als Hao könnte ich mir Jay Chou vorstellen.


Zum Autor: Der Autor Laurin Dahlem lebt, arbeitet, liest und schreibt in Süddeutschland. Die phantastischen Welten der Literatur sind seine große Leidenschaft, und er wird nicht müde, sich immer wieder neue auszudenken.

Außerdem erhältlich:
Kuss aus Asche, Ein Trainer mit gewissen Vorzügen

Montag, 28. September 2015

Watch:line von Natalie Anders

Es gibt leider nur sehr wenig Science Fiction mit schwulen Hauptfiguren oder gar Romance. Das liegt vielleicht daran, dass SF immer noch ein von heterosexuellen Männern dominiertes Genre ist. In den Siebzigern gab es kurz eine Welle mit feministischer SF, Planeten nur mit Frauen, nur mit Intersexuellen oder auch mal bisexuellen Hauptfiguren. Seitdem ist das Genre zwar offener geworden, aber wirklich viele Neuerscheinungen gibt es nicht in dem Bereich.
Ich habe schon immer Science Fiction geliebt, seit ich als Kind Star Trek gesehen habe. Meine absolute Lieblingsserie ist immer noch Battlestar Galactica. Nachdem ich dann endlich eine Bildungslücke geschlossen und Firefly gesehen habe, hat es mich selbst gepackt, ich habe richtig Lust, eine Space Opera mit LGBT-Figuren zu schreiben. Da ich aber bisher kaum in dem Genre gelesen habe, wollte ich das nachholen und musste feststellen, wie wenig es in dem Genre im Gay Romance-Bereich gibt. Sogar auf dem Englischen Markt gibt es kaum etwas, das mich anspricht. Umso mehr hat es mich gefreut, dass der Dead Soft verlag doch wenige Titel im Programm hat. Natalie Anders Watch:line war mir schon einmal aufgefallen, wie gut, dass ich es mir dann endlich gekauft und gelesen habe. Denn ich habe wirklich noch nie so gute SF mit schwulen Figuren gelesen.
Wir befindet uns weit in der Zukunft, in einer Welt, die an bekannte Dystopien erinnert, es gibt nicht mehr viele überlebende Menschen, die Technologie ist weit fortgeschritten. Die Bevölkerung lebt in gleichförmigen strukturierten Anlagen, alles ist durchorganisiert und es gibt keinen Raum für Abweichungen. Itan lebt in dieser Welt, er ist ein Zeitingenieur. Was das genau ist, das muss der Leser sich zusammenreimen, denn man wird gleich ohne große Erklärung in die Welt geworfen. Das hat mir gut gefallen, denn ich hasse es, wenn am Anfang ewig die Welt erklärt wird, viel schöner ist es, wenn man sie gezeigt bekommt.
Itan muss in der Fortbildung Programme absolvieren, in denen er logische Aufgaben lösen muss, ein wenig erinnert das an TIM The Incredible Machine, falls das noch jemand kennt. Nur auf einer Zeitebene. Dabei bekommt Itan einen Assistenten zugewiesen, Silas. Der ist nur als der Freak-Tech bekannt, weil er anders als alle anderen nicht in sein Aussehen investiert und kleine vermeintliche Makel beseitigt hat. Bald entwickelt sich zwischen den beiden eine Freundschaft, Itan ist immer mehr fasziniert von Silas Art, alles etwas anders zu machen. Silas lebt nicht in dem durchorganisierten Komplex, er lebt dort wo die weniger gut gestellten ihr Dasein fristen, dort ist er freier, dort essen die Menschen noch selbstgebackenen Kuchen und zeigen Gefühle.
Itan muss immer mehr begreifen, dass seine Welt nicht perfekt ist. Eine Welle von Selbstmorden von großem Ausmaß dezimiert die Bevölkerung weiter, doch kaum jemand scheint sich dafür zu interessieren. Doch Itan muss bald feststellen, dass er in alles viel mehr involviert ist, als er je geahnt hat.
Natalie Anders erfindet keine komplett neue Dystopie, aber das wäre auch zu viel erwartet, es gibt Versatzstücke aus 1986 und der ganz klassischen Dystopien, die schon im vorletzten Jahrhundert beschrieben wurden. Die durchstrukturierte Welt, Menschen, die nur noch dem System folgen und nichts mehr empfinden. Der Außenseiter, der aus dem System ausbricht. Aber die Autorin versteht es vor allem dank ihres Stils, der flüssig aber nie schlicht ist, zu fesseln. Itan und Silas ziehen einen in ihre ganz eigene Welt, manchmal ist es anstrengend, Itan zu folgen, man möchte ihn schütteln, weil er so lange braucht, um aufzuwachen. Aber der sympathische Silas gleicht das gut aus. Watch:line ist allerdings kein Romance, wie man es bei dem Verlag erwarten würde, sondern einfach SF mit zwei schwulen Hauptfiguren, die sich verlieben, so gibt es auch keine ausführlichen erotischen Szenen. Meinen Geschmack trifft das genau, denn gute SF braucht einen guten Plot. Ein wenig fehlt dem Text die Struktur, es gibt keinen wirklichen Höhepunkt. Aber erstaunlicherweise bleibt der Roman trotzdem spannend. Es wäre nur gut gewesen, vorher zu wissen, dass es sich bei Watch:line um den ersten Teil einer Reihe handelt, denn die Geschichte von Itan und Silas ist noch lange nicht abgeschlossen, viele Fragen bleiben offen. Umso gespannter bin ich, wie es weiter geht und hoffe, dass es bald einen zweiten Band gibt.

Sonntag, 5. Juli 2015

Hautnah - an deiner Seite von Francisca Dwaine

Francisca Dwaine hat sich mit ihrere Winterbrunch-Reihe und mehreren kürzeren Veröffentlichungen bereits einen Namen im Gay Romance Genre gemacht. Als ich die Beschreibung von Hautnah - an deiner Seite las, war ich jedoch erstmal skeptisch. Eine Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Lektor? Das klang für mich ziemlich unrealistisch. Denn die meisten Autoren, die ich kenne, treffen ihren Lektor nie persönlich, das meiste läuft über Mail und Telefon, vielleicht trifft man sich, wenn man zufällig in der Nähe wohnt, auf Messen oder der Verlag ist ungewöhnlich spendabel. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Geschichte, bei der der Lektor auch noch bei dem Autor einzieht, um ihm endlich dazu zu bringen, den lange erwarteten nächsten Bestseller zu schreiben, einigermaßen glaubwürdig erzählt werden kann. Doch Francisca Dwaine ist das gelungen, denn es gibt eine gute Begründung fü alles.
Die Handlung beginnt damit, dass der angehende Lektor Jason nach Chicago zieht und mit einem unheimlich attraktiven Christian einen One-Night-Stand hat und Christian ihn ziemlich unfreundlich aus der Wohnung wirf. Doch als Jason erfährt, dass Christian hinter dem Pseudonym Kristin Heart, der Bestsellerautorin steckt, der er zugeteilt wurde, will er seinen Job auf keinen Fall vermasseln. Obwohl Christian sich alle Mühe gibt, ihn loszuwerden, gibt Jason nicht auf. Da Christian unglaublich gut aussieht und Jason sich unweigerlich zu ihm hingezogen fühlt, lässt er sich darauf ein, mit ihm sein Bett und Wohnung zu teilen. Schnell entdeckt er, dass es einen Grund dafür gibt, warum Christian sich immer wieder wie ein Arsch verhält, daher kann er ihm dieses Verhalten auch vergeben. Denn Christian hat vor zwei Jahren seinen Partner verloren und betäubt seien Trauer mit Alkohol und Sex, er kann niemanden mehr an sich ranlassen und vergrault lieber jeden der versucht, ihm zu helfen. Eine Beziehung mit Jason lehnt er daher von vornherein ab.
Das war meine zweite Sorge bei dieser Geschichte. Wird im Klappentext angekündigt, dass der Love Interest ein dunkles Geheimnis hat und unnahbar ist, lese ich das eigentlich nie. Ich kann die Faszination für solche Arschloch-Typen einfach nicht verstehen. Aber obwohl ich Christian ab und zu mal schütteln wollte und den armen Jason davor warnen, sich wieder auf ihn einzulassen, gelingt es der Autorin, dass man immer noch mit beiden mitfühlt. Vor allem Jasons Stärke, die Konsequenzen aus Christians Verhalten zu ziehen hat mir gut gefallen, auch dass seine Freunde so intelligent sind, Christians Verhalten zu durchschauen und Jason davor zu warnen, wie er ihn manipuliert. Denn genau dieses manipulative ausnutzende Verhalten ist es, was mich an solchen düsteren Typen in Liebesgeschichten normalerweise abstößt, da es meistens als begehrenswert und toll dargestellt wird. Aber Jason hat eine starke Persönlichkeit und auch wenn er Christian ein paar Mal nachgibt, er lässt sich nicht alles bieten. Das hat mir sehr gut gefallen.
Ein weiterer Aspekt an der Geschichte ist die Metaebene, die sich bei Büchern über Autoren fast zwangsläufig ergibt. Schließlich fängt Christian endlich seinen Roman an, der autobiografische Züge trägt, und so auch die Beziehung zu Jason spiegelt. So dass man Christians Regeln zum Schreiben, zwangsläufig mit dem Text, den man gerade liest, vergleicht. Da der Autorin der aber gut gelungen ist, und das Thema auch nicht überstrapaziert wird, hat mich das zum schmunzeln gebracht.
Etwas schade fand ich, dass die Nebenfiguren, Dragqueen Jonathan und Jasons bester Freund Tom erst lange eingeführt und dann ein wenig vergessen wurden. Ein paar Ungereimtheiten sind mir auch aufgefallen. Etwas seltsam fand ich, dass Jason vorher noch bei seinen Eltern wohnte, und nicht geklärt wurde, warum, normalerweise leben die Studenten in den USA doch in ihren Colleges, dadurch wirkte er unnötig unreif auf mich.
Das einzige, was ich wirklich kritisieren würde ist, dass sich im Mittelteil die Handlung etwas zieht und wiederholt und dass die Geschichte recht vorhersehbar ist. Aber das bekannte Thema, einen gebrochenen Typen, dem nichts wichtig ist wieder zu einem liebenden Menschen zu machen, hat die Autorin gut umgesetzt, so dass ich "Hautnah" nur empfehlen kann. Es hat mir weitaus besser gefallen, als andere Texte mit ähnlichem Muster, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Da eine kleine Frage noch offen bleibt, ist auf jeden Fall Potential für eine Fortsetzung vorhanden.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Tipping the velvet von Sarah Waters

Tipping the velvet habe ich zuerst als Verfilmung gesehen. Die Mini-Serie der BBC hat mich sehr beeindruckt. Allein dass sie Bücher mit historischem Setting über lesbische Figuren verfilmen ist außergewöhnlich. Aber das liegt wohl auch daran, dass die Bücher von Sarah Waters einfach so gut sind und sich hervorragend auf der Leinwand machen. In England gilt sie als große Autorin, während ihre Bücher hier leider viel weniger bekannt sind.
Tipping the velvet erschien auf deutsch als Muschelöffnerin. Der Titel ist gar nicht so unpassend, denn es geht um Tochter der Betreiber eines Austernrestaurants. Als Nancy das erste Mal Kitty begegnet, die in ihrer Show als "Man impersonator" also im Männerkostüm auftritt, ist sie sofort fasziniert. Sie folgt ihr ins ferne unbekannte London, um für sie als Gaderobiere zu arbeiten. Dort wird sie in die Welt des Theaters hineingezogen und steht bald selbst auf der Bühne, und wird zusammen mit Kitty zum erfolgreichen Star. Es dauert eine Weile, bis Nancy begreift, dass sie in Kitty verliebt ist und die beiden zueinander finden. Für Nancy ist es die große Liebe, doch Kitty fürchtet um ihren Ruf und als sie einen Mann heiratet, flüchtet die am Boden zerstörte Nancy Kopf-und mittellos.
Als sie das erste Mal ein Männerkostüm trug, wurde ihr gesagt, dass sie darin schon zu überzeugend wie ein junger Mann wirkte. Mit den breiten Schultern und dem kurzen Haar fällt niemandem auf, dass sie tatsächlich eine Frau ist und Nancy genießt es, diese Rolle anzunehmen, auch auf der Straße als Mann herumzulaufen. Ob sie in der heutigen Zeit Transgender gewesen wäre, ist schwer zu sagen. Aber wie Sarah Waters ihr Spiel mit den Genderrollen beschreibt ist beeindruckend, weil man solche Geschichten so selten liest. Man könnte sie wohl am ehesten als Genderfluid bezeichnen, aber diese ganzen Begriffe gab es damals noch nicht. Und dennoch existierte eine geheime Welt mit lesbischen Zirkeln und Clubs, die Sarah Waters in Erinnerung ruft und lebendig werden lässt.
Nancy verhält sich manchmal sehr naiv und ist keine besonders intelligente Figur, sie liest kaum und interessiert sich für wenig. Aber sie ist eben auch eine sehr junge Frau, die an Liebeskummer leidet. Und ihren Weg in Beziehung zu verschiedenen Frauen zu verfolgen ist sehr unterhaltsam und fesselnd. Die Autorin schreibt auch freizügig über Nancys Sexualität, doch das wirkt nie übertrieben. Manchmal wirkt die Geschichte etwas wie einzelne Episoden, die wenig zusammenhängen, aber diese verschiedenen Stationen in Nancys Leben sind an sich alle sehr faszinierend. Selten liest man historische Romane, die so lebendig die Vergangenheit wiederaufleben lassen, ohne einen mit Informationen zu erschlagen und das in einem sehr flüssigen zur Figur passenden Stil, der dennoch anspruchsvoll geschrieben ist. Sarah Waters wurde mehrfach für den Man Booker Prize nominiert, und in über 30 Sprachen übersetzt.
Wer an der Geschichte von lesbischen Frauen interessiert ist oder einfach einen tollen historischen Roman lesen will, der wird das Buch lieben. Für mich war es auch ein Einstieg in eine völlig neue Welt, als ich das erste Mal Tipping the velvet als Film sah. Er hält sich sehr nah ans Buch, nur das Ende wurde ein wenig geändert, da hat mir das Buch besser gefallen. Sogar die erotischen Szenen wurden so verfilmt, wie sie im Buch stehen (inklusive Dildos etc., ja die gabs damals auch schon).  Und Rachel Stirling spielt die Rolle, als wäre sie für sie geschrieben. Daher kann ich Buch und Film nur empfehlen. Auch weitere Bücher von Sarah Waters sind sicher lesenswert, besonders "Solange du lügst" bzw. Fingersmith. Auch auf meine Rezension von "The secret Diaries of Anne Lister", möchte ich hier hinweisen.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Jackdaw von KJ Charles

Eigentlich brauche ich hier wohl gar nicht mehr zu betonen, dass ich KJ Charles Bücher gut finde. Ich bespreche ja ohnehin alle ihre Bücher. Jackdaw habe ich schon vor einer Weile gelesen. Es ist ein Spin-off zur Magpie-Serie. Crane, Stephen und Jenny Saint haben darin auch einen Auftritt. Vor allem geht es aber um Jonah und Ben, die in der Magpie-Serie praktisch als Bösewichte auftraten. Nun snd die Rollen anders herum. Eine interessante herangehensweise von der Autorin.
Ben glaubt, wenn er Jonah noch einmal wiedersieht, wird er seinen ehemaligen Liebhaber umbringen. Schließlich hat Jonah ihn ins Gefängnis und Arbeitslager gebracht, ihm seine berufliche Karriere ruiniert und ihn reingelegt.  Doch als der ehemalige Polizist und der Magier Jonah sich tatsächlich wiedersehen kommt alles anders als Ben dachte. Eine abenteuerliche Flucht vor der Polizei und dem Institut, das sich um straffllige Magier kümmert, beginnt. Jonah ist ein Windwalker, er kann in der Luft gehen und er ist ein ausgebuffter Dieb und Schwindler. Stephen Day ist immer noch hinter ihm her, da Jonah in der Magpie-Serie beinahe seinen geliebten Crane umgebracht hätte. So bleibt Ben und Jonah nur die Flucht in den abgelegensten Winkel Englands. Ich hatte etwas mehr Action erwartet in diesem Buch. Die Flucht endete doch schneller als erwartet. Aber was man bekommt ist eine schöne Liebesgeschichte, wunderbare Nebenfiguren und ein ganz anderer Blick auf Stephen und Crane.

Freitag, 13. Februar 2015

Please like me - Serienrezension

Als Joshs Freundin mit ihm Schluss macht, sagt sie ihm, dass er doch sowieso schwul sei. Da ist Josh das selbst noch gar nicht bewusst. Er hat vielmehr mit seiner depressiven Mutter zu kämpfen, die versucht hat, sich umzubringen. Sein Vater hat die Familie verlassen und eine neue koreanische Freundin, die sich nicht entscheiden kann, ob sie es ernst mit ihm meint. Sein bester Freund ist ein total verplanter Kerl, der nie bei der richtigen Frau landet. Als Josh jedoch den gutaussehenden Geoffrey kennen lernt, merkt er, dass seine Ex-Freundin recht hatte. Sein Coming-out ist auch gar keine so große Sache.
Als seine Mutter aus der Psychatrie entlassen wird, muss er sich um sie kümmern und wieder zu Hause einziehen. Nebenbei muss er sich entscheiden, ob Geoffrey wirklich der richtige ist. Sieht er nicht viel zu gut aus für ihn? Josh hält nicht viel von seinem eigenen Aussehen. Tatsächlich sieht Josh Thomas älter aus, als er ist und man kauft ihm die 21 schwer ab, die er mit Ende zwanzig dastellt. Josh Thomas hat auch selbst das Drehbuch geschrieben und man könnte sagen, dass er sich selbst spielt. Josh Thomas Mutter war tatsächlich depressiv und sein bester Freund in der Serie ist es auch in echt. Lediglich Debra Lawrance als "mum" und Caitlin Stacey als Freundin sind erfahrene Schauspieler. Aber das merkt man der Serie ansonsten nicht an.
Was die Serie aber so besonders macht ist vielleicht gerade die  Authentizität. Josh zeigt seine nur halb erfundene Figur mit all ihren Unsicherheiten und Schwächen. Die Figuren erscheinen nie klischeehaft. Die Unsicherheit bei der Partnersuche, bei der Jobsuche, der Identitässuche, das wirkt alles sehr realistisch.  
Die Darsteller sind überzeugend und das Drehbuch hält die richtige Balance zwischen Komik und ernsten Szenen. Man merkt, wie wichtig Josh das Thema psychische Erkrankungen ist und er behandelt es auf respektvolle Weise. Die Schwere der Erkrankung wird nie herabgespielt aber trotzdem die gewisse Komik etwa des Psychatriealltags dargestellt. Die Freunde, die Josh umgeben und potentiellen Partner sind alle liebenswert und gleichzeitig schrullige Außenseiter.
Please Like me ist eine wunderbare australische Coming-of-age Serie, die es verdient hat, ein größeres Publikum zu bekommen. In Australien ist Josh Thomas bereits ein bekannter Comedy-Star.
Gerade wird die dritte Staffel der Serie gedreht und ich bin schon sehr gespannt darauf. Leider bekommt man sie auf DVD nur im Export, aber hoffentlich ändert sich das bald.

Rezension: Das Faustus-Insitut von Tim Spohn


Ich durfte diesen Roman von Tim Spohn testlesen, deshalb fällt es mir etwas schwer, darüber eine objektive Rezension zu schreiben. Aber da ich ihn unbedingt empfehlen möchte, muss ich einfach etwas dazu schreiben.
Noah glaubt, dass er verflucht ist, denn alle Menschen, die ihm nahestanden - seine Eltern, seine beste Freundin, sein erster Freund – starben bei seltsamen Unfällen. Deshalb lässt Noah niemanden mehr an sich heran und lebt ein einsames Leben in Berlin. In seinem Spieleladen taucht plötzlich der gutaussehende Lucas und die kühle Lis auf. Als sie dann auch noch bei seiner Arbeit im Callcenter erscheinen, fühlt Noah sich verfolgt. Ein Wesen wie aus alten Mythen ist hinter ihm her und Noah und Lucas können ihm gerade noch entkommen. Es stellt sich heraus, dass Lucas und Lis vom Faustus-Institut geschickt wurden, um Noah zu beschützen, denn das war nicht das einzige Wesen, das hinter ihm her ist. Eine mächtige Dämonin hat es auf ihn abgesehen.
Bald muss Noah sich nicht nur damit auseinandersetzen, dass es solche Wesen wirklich gibt, er merkt auch immer mehr, dass er Gefühle für Lucas entwickelt und ihn viel zu nahe an sich heranlässt. Um der Dämonin zu entkommen und wieder Freundschaften zulassen zu können, muss Noah dem Geheimnis seines Fluchs auf die Spur kommen.
Der Debut-Roman von Tim Spohn bietet unterhaltsame Urban Fantasy mit interessanten Figuren. Sein Stil liest sich sehr flüssig aber nie zu einfach. Noah ist eine interessante, innerlich zerrissene Figur und ich bin gespannt, wie er sich in den Fortsetzungen noch entwickeln wird. Der Roman ist als Reihe angelegt und so liest er sich als ein typischer Anfang einer längeren Geschichte.
Es gibt einige überraschende Wendungen im Plot. Meine einzige Kritik ist, dass die Spannung in der Mitte etwas nachlässt und erst am Ende richtig Fahrt aufkommt. Wer gerne Gay Romance mit einem richtigen Plot liest, ist hier richtig. Es ist hier eher so, dass die Liebesgeschichte (noch) nicht im Vordergrund steht, und das fand ich mal ganz erfrischend. Man liest leider selten abseits des Romance-Genre Fantasy, in denen die Figuren einfach zufällig schwul sind. Daher dürften auch Leser die keine Romance lesen gefallen am Roman finden. Insgesamt ein gelungenes Debut, auf dessen Fortsetzung ich gespannt warte.

Samstag, 1. November 2014

Benjamins Gärten von J. Walther

J. Walther aka Jana Walther gehört zu den Autoren, die schon ewig auf meiner Leseliste stehen. Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, ihren kurzen Roman Benjamins Gärten zu lesen. Zunächst erschien er im Verlag, jetzt in überarbeiteter Version im Selfpublishing.
Das Cover zeigt einen Garten mit einer Hängematte. Das passt sehr gut zur Stimmung der Geschichte.
Nach dem Tod seiner Eltern lebt der neunzehnjährige Benjamin allein in deren Haus auf dem Land. Was er mit seiner Zukunft anfangen will, ist ihm noch gänzlich unklar. Er lebt im Augenblick und in der Vergangenheit, muss sich erstmal mit dem Tod seiner Eltern auseinandersetzen, bevor er weiter gehen kann. Und er trifft Marek, der eine alte Villa in der Nähe gekauft hat, um sie wieder zu verkaufen. Es entwickelt sich etwas zwischen den beiden, eine Beziehung kann man es nicht nennen. Denn Marek entzieht sich Benjamin immer wieder, verschwindet ohne sich zu verabschieden, taucht plötzlich wieder auf. Redet kaum über sich, sie beide reden nicht über ihre Beziehung. Das ist ein Muster, das in Benjamins Leben immer wieder vorkommt, die Sprachlosigkeit zwischen ihm und seinem Vater, mit seiner ersten Affäre. Manchmal geht es einem schon auf die Nerven, wenn Benjamin es nicht schafft, einmal zu sagen, was er möchte. Er bleibt seltsam unnahbar. Erst gegen Ende findet er langsam seine Stimme, stellt endlich einmal Forderungen, probiert Neues aus. Aber es ist nicht unbedingt die Handlung, die den Roman lesenswert macht. Passieren tut eher wenig, es spielt sich mehr in den Figuren ab. Vielmehr ist es eine Momentaufnahme eines Sommers und Herbstes, der Gärten, in denen Benjamin sich aufhält. Es ist eine ganz besondere Stimmung, die hier eingefangen wird, ein wenig nostalgisch, traumhaft, eine ganz eigene Welt. Das besondere an diesem kurzen Roman ist Jana Walthers Stil. Es ist ein sehr klarer, präziser Stil, jedes Wort ist genau richtig, keines zu viel. Nur wenige Autoren beherrschen es, gleichzeitig so anspruchsvoll und klar schreiben zu können. Wenn man ein Buch von der Autorin aufschlägt, muss man sich darauf einlassen, anspruchsvolle Literatur zu lesen. Ich habe das in kleinen Dosen getan, da ich nach jeder Passage diese wunderbare Sprache in mich aufnehmen wollte.
Teilweise gibt es etwas zu viele Wiederholungen in der Handlung. Aber da der Text so kurz ist, ist das nicht weiter schlimm. Ich bin jedenfalls gespannt auf das nächste Buch von der Autorin. Leider hat sie angekündigt, erstmal keine weiteren Romane schreiben zu wollen. Das ist schade, aber Benjamins Gärten sehe ich auch eher als Novelle. Kürzlich erschien von ihr Nur eine Frage der Liebe.
Also vielleicht erfreut uns die Autorin ja doch noch mit neuen kürzeren Texten.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Any day now

Ich bin immer noch etwas unsicher, wie ich den Film Any day now finden soll. Es ist kein typischer Film über ein schwules Paar, das wird schnell klar. Angesiedelt ist er Ende der Siebziger in den USA.
Als der gutsituierte Anwalt Paul in einer Bar die Drag Queen Rudy kennen lernt, ändert das für beide ihr Leben. Paul ist geschieden und wahrscheinlich möchte er jetzt endlich auch seine Neigung zu Männern ausleben. Rudy performt in Glitzerekostümen zu Popsongs und flirtet Paul offensiv an. Sie landen in Pauls Auto, es gibt einen Gefallen für Paul. Doch dann klopft ein Polizist an der Scheibe. Rudy zeigt sein Temperament, das manchmal mit ihm durchgeht, beschimpft den Polizisten, während Paul die Situation schlichtet. Von hier an könnte man meinen, dass es sich um einen Liebesfilm handelt, doch dann sieht man Rudy allein in seinem heruntergekommenen Apartment, bei dem er die Miete schuldig bleibt. Eine verlorene Puppe im  Flur bringt alles ins Rollen. Sie gehört dem Sohn seiner Nachbarin, einem Jungen mit Down-Syndrom. Die Mutter ein Junkie mit pöbelndem Freund. Am Morgen ist sie verschwunden, der Junge allein in der Wohnung. Und für Rudy ist augenblicklich klar, er will verhindern, dass der Junge ins Heim oder in eine miese Pflegefamilie muss. Also nimmt er den Jungen, Marco, bei sich auf. Es beginnt ein Kampf um das Recht für den Jungen zu sorgen. Rudy erhofft sich Hilfe von Paul, der zunächst ablehnt. Doch dann besinnt er sich auf sein gutes Herz und bietet sogar an, dass Rudy und Paul bei ihm wohnen können. Alles scheint gut zu gehen, als Marcos Mutter, die inzwischen im Gefängnis sitzt, unterschreibt, dass Rudy für Marco sorgen darf. Doch so soll es nicht bleiben. Any day now ist ein Film über die Ungerechtigkeit des Justizsystems und die Doppelmoral der Gesellschaft.

weiter:

Mittwoch, 10. September 2014

New Queer TV - Rezension von Looking


In den letzten Jahren gab es immer mehr GLBT-Figuren in Serien. Kaum noch eine Serie ohne so einen Charakter. Doch seit L-World und QaF gab es keine Serien mehr, die sich nur um solche Figuren drehen. Auch wenn es mit Glee, The new normal oder Modern Family schon Serien mit vorrangig schwulen Hauptfiguren gab. Keine der genannten Serien konnte mich bisher richtig packen. Ich habe zwar QaF weitgehend vollständig gesehen, doch richtig überzeugt haben mich die Autoren nicht. Irgendwie waren mir alle Figuren der Serie immer mehr unsympathisch, dennoch musste man sie damals gucken, sie war etwas besonders. Die Serie hat auf jeden Fall neue Maßstäbe gesetzt und gezeigt, es gibt ein Publikum dafür.
Jetzt gibt auch eine neue Serie über eine Gruppe schwuler Freude im heutigen San Francisco. Ich habe viel erwartet von dieser Serie, denn die Voraussetzungen klangen großartig. Leider hat sie mich enttäuscht. Entweder die Produktion war wirklich vollkommen Low Budget oder es sollte unbedingt so aussehen (denn immerhin steht HBO dahinter). Es beginnt mit Patrick, gespielt vom gar nicht so unbekannten Jonathan Groff (Glee). Er designt Computerspiele und versucht sich gerade wenig erfolgreich im online dating. Doch Patrick ist kein Beziehungstyp. Nie hat er es länger als ein paar Monate mit jemandem ausgehalten. Als er den süßen Türsteher und Frisör Richie kennen lernt, will er sich erst nicht auf ihn einlassen. Zu unterschiedlich sind der Mittelschicht Weiße und der working-class Mexikaner. Und was will eigentlich Patricks neuer Chef von ihm? (Lichtblick Russel Tovey)


Montag, 7. Juli 2014

Think of England von KJ Charles


Durch die  Magpie-Serie bin ich ein Fan von KJ Charles geworden. Daher habe ich Think of England schon länger sehnsüchtig erwartet.
Diesmal gibt es keine magischen Elemente, dafür eine tolle Spionage-Story. Im edwardianischen England um 1904 begibt sich der im Krieg verwundete Archie Curtis zu einer Landparty. Er hat aber kaum im Sinn, sich dort zu amüsieren. Vielmehr möchte er aufklären, ob die defekten Pistolen, die viele seiner Kameraden im Krieg getötet haben und ihn selbst die Hand zerschmettert, ein Unfall waren oder ob Absicht dahintersteckte. Sein Verdacht fällt auf den reichen Mr Hubert, der mit dem Waffengeschäft zu tun hat. Dessen junge Frau hat neben Archie auch noch einige weitere illustre Gäste eingeladen. Bei der ersten Begegnung mit Daniel da Silva, kann Archie gar nichts mit ihm anfangen. Der auffällig gekleidete leicht dunkelhäutige portugiesische Jude, der Gedichte schreibt und und keinen Hehl aus seiner "Queerness" macht, ist ihm suspekt. Doch als er Da Silva unter anderen Umständen kennen lernt, wird schnell deutlich, nicht alles an ihm ist, wie es scheint.
Zu Beginn ist noch nicht ganz klar, wer eigentlich der Love Interest ist und ich hatte ein wenig Probleme mit den vielen Nebenfiguren und ihren Namen. Doch KJ Charles schafft es, die Atmosphäre der Landparty so einzufangen, dass man sich sofort in die Zeit versetzt fühlt, ohne einen mit Details zu erschlagen.
Es wird immer deutlicher, dass hier mehr als eine Person versucht, etwas zu verbergen. Viel mehr will ich vom Inhalt nicht verraten, sonst würde ich spoilern.
Ganz besonders gut gefallen hat mir im Roman die Figur des Daniel da  Silva. KJ Charles schreibt, dass sie sehr viel Pulp-Literatur aus der Zeit liest, wo Juden oder Ausländer häufig als böse dargestellt werden. Es ist erfrischend, hier eine Figur zu haben, die anders ist, als man sie in historischen Romanen sonst antrifft. Daniel ist intelligent, hat in Deutschland studiert und er kennt bereits das damals erst aufkommende Wort "homosexuell". Er hat eine einmalige Art, mit seiner aufgesetzten Flamboyanz zu provozieren und zwischen ihm und Archie gibt es einige wunderbare Dialoge. Archie bildet zu Daniel einen schönen Kontrast. Obwohl er bisher nur sexuelle Kontakte zu Männern hatte, kam ihm noch nicht in den Sinn, sich als queer zu sehen oder dass er sich gar in einen Mann verlieben könnte. Sein Charakter ist sehr geradlinig, ein Soldat, der verwundet einen neuen Sinn im Leben sucht. Als Figur konnte er für mich aber nicht ganz mit da Silva mithalten.
Daneben gibt es auch noch zwei interessante weibliche Nebenfiguren, vor allem die resolute Miss Merton, die Archie bei der Aufklärung des Falls hilft.
Das einzige Manko am Text war für mich, dass die Spionage-Geschichte etwas zu kurz kam. Es gibt einige Action-Szenen, Schießereien, etc. Aber obwohl der Roman als Einzelband angelegt sein soll, hat man das Gefühl, sofort weiterlesen zu wollen. Man möchte wissen, wie sich die Beziehung der Figuren entwickelt, die am Ende des Buches erst beginnt und wie Archie seine Identität akzeptiert. Immerhin hat die Autorin angekündigt, jetzt auch eine Fortsetzung schreiben zu wollen. 
Insgesamt ist Think of England eine schöne Romanze mit Spionage-Anteil, die Elemente aus der Pulp-Literatur der Zeit neu interpretiert.
Think of England ist übrigens ein Sprichwort, dass so viel heißt wie denk an dein Land, tue es für England. Eigentlich heißt es "lie back and think of England" und bezieht sich auf Frauen, die, um Kinder für England zu bekommen, den Sex mit ihren Männern ertragen sollten.
Nach diesem Text wird man jedenfalls nicht mehr die Worte "Think of England" lesen oder hören können, ohne breit zu grinsen.

Samstag, 17. Mai 2014

Weekend

Der Film Weekend gilt schon als neuer Klassiker des New Queer Cinema. Er ist einer der wenigen Filme, die ohne Starbesetzung und ohne großes Budget produziert wurden und dennoch eine sehr hohe Qualität aufweisen und ein großes Publikum erreicht haben. Zu oft sieht man Filme, die zwar eine gute Grundidee haben, die aber an der Umsetzung scheitern.
Regisseur Andrew Haigh hat sich auch nicht an Genrefilmen orientiert, sondern an anderen Indiependentfilmen, wie er im Interview verrät.
Doch zum eigentlichen Film: In Weekend begegnen wir Russel, einem Bademeister, Mitte zwanzig, der bei einem Clubbesuch Glen kennen lernt. Beim nächsten Schnitt ligen er und Glen am Morgen zusammen im Bett. Jetzt soll Russel sich an alles erinnern, alle seine Gefühle die er in Bezug auf die Nacht hat, für Glen in ein Diktiergerät sprechen, für ein Kunstprojekt. Zunächst ist Russel etwas befangen, doch nach und nach erinnert er sich an alle Details. Man spürt schnell, dass zwischen den beiden mehr ist als ein One-Night-Stand. Sie sehen sich wieder, sprechen miteinander über ihre Familien: Russel ist als Pfelgekind aufgewachsen, vor seinen Freunden ist er geoutet, doch es fällt ihm schwer, sich öffentlich zu zeigen. Für Glen ist das kein Problem, er will mit seinem Kunstprojekt sogar sein Sexleben öffentlich machen und Glen will über alles reden, während Russel eher ein ruhiger Typ ist.


Als Glen noch einmal an Russels Tür klingelt, nachdem er gegangen war, und ihm sagt, dass er in ein paar Tagen in die USA auswandern wird, wird deutlich, wie sehr er sich schon in Russel verliebt hat. Es ist das überzeugende Spiel von Tom Cullen und Chris New, das den Film so authentisch macht. Cullen ist jetzt in Downton Abbey zu sehen, für New war es sein erster Spielfilm. Es braucht keine Liebesschwüre dafür, die Romantik entsteht zwischen den Zeilen, in Blicken und Gesten. Obwohl sie wissen, dass ihnen nicht viel Zeit zusammen bleibt, lernen sie sich an nur einem Wochenende intensiv kennen, reden über intimste Gefühle, und konsumieren jede Menge Drogen.

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Mittwoch, 5. Februar 2014

A Charm of Magpies von KJ Charles

The Magpie Lord ist der erste Band in der Reihe A charm of Magpies, von der gerade der zweite Band erschienen ist. Das Buch habe ich zufällig als ebook entdeckt und die Beschreibung und das gelungene Cover ließ es mich sofort kaufen, obwohl ich sonst fast nie Bücher kaufen.
Als Lord Crane, nach Jahren aus Shanghai nach England zurückgekehrt, nach dem mysteriösen Selbstmord seines Bruders und seines Vaters, muss er einige Familienangelegenheiten klären. Doch Lord Crane muss nicht nur damit zurechtkommen, dass sein Vater ein fieser Despot und Betrüger war, er wird auch noch von einem Fluch heimgesucht, der ihm beinahe das Leben kostet.
Zu Hilfe kommt ihm ausgerechnet der Magier Stephen Day, dessen Vater von Lord Cranes Vater umgebracht wurde. Nicht gerade die beste Voraussetzung für eine beginnende Romanze. Doch Stephen lässt sich überzeugen, dass Lord Crane nichts mit seinem Vater gemeinsam hat und hilft ihm, hinter das Geheimnis des Fluchs zu kommen. Es entspinnt sich eine Geschichte voll von Magie und einer undurchsichtigen Verschwörung. Und das alles vor dem Hintergrund eines viktorianischen Londons.
Was mir an der Geschichte gut gefallen hat war, dass es kein Instant Love gibt. Zunächst beschreibt Crane Stephen als klein und abgemagert. Es dauert eine Weile, bis er den trockenen Humor Stephens versteht und erkennt, was für ein starker Magier er ist. Stephen arbeitet als Justiziar der Magier, und obwohl Lord Crane ihm in seinem Stand, finanziell und in seiner Größe überlegen ist, begegnen sie sich auf Augenhöhe.
Die beiden Hauptfiguren waren erfrischend eigenständige Persönlichkeiten, die beide mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen haben. Viel Erotik gibt es in dem kurzen Roman nicht, und auch wenn man als Leser doch manchmal genervt ist, wenn es aus abstrusen Gründen wieder und wieder nicht mit dem Bettsport klappt, so ergibt das am Ende doch alles einen Sinn.

Nun ist gerade der zweite Band der Reihe, A case of possession erschienen.
Hier entwickelt sich die Beziehung zwischen Crane und Stephen weiter. Während Crane sich wünscht, Stephen möge nicht immer nachts ohne Abschied verschwinden, versinkt Stephen in Arbeit. Erst als Crane von einem alten Bekannten erpresst wird, ihre Affäre öffentlich zu machen, macht er sich bewusst, wie viel Stephen ihm bedeutet. Kann er von Stephen überhaupt verlangen, für ihn seine Karriere und seine Freundschaften aufs Spiel zu setzen? Doch es tauchen noch ganz andere Probleme auf. Riesige Ratten, die Leute angreifen, verschwundene chinesische Schamanen und eine alte Freundin aus Shanghai, die in Gefahr ist.
 Der Plot im zweiten Band hat mir etwas besser gefallen als im ersten, wo ich manchmal nicht ganz mit der Handlung mitkam. Auch war es schön, mehr aus der Shanghai-Vergangenheit von Crane zu erfahren und zu sehen, wie sich die Beziehung zwischen Crane und Stephen weiterentwickelt. Es gibt außerdem deutlich mehr Erotikanteil, wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob das nun ein Pluspunkt ist, oder nicht. Die Szenen waren alle recht heiß geschrieben, aber wirkten teilweise etwas fehl am Platz. Insgesamt gefällt mir der Einfallsreichtum der Autorin, die positiv abstrusen Plots und die Nebenfiguren, die man sich alle sehr gut vorstellen kann. Auch Cranes Shanghai-Gossen-Dialekt sorgt für einige komische Szenen.
Ein wenig schade finde ich jedoch, dass jeder Band nur so kurz ist. Obwohl jede Figur ihre Hintergrundgeschichte hat, und ich Stephen und Crane als Figuren sehr ungewöhnlich und gut ausgearbeitet finde, ein paar mehr ruhigere Szenen hätten den Büchern noch mehr Tiefe verleihen können, die eigentlich schon in der Geschichte angelegt ist. So ist es spannende kurzweilige Unterhaltung, aber sehr gute Unterhaltung. 

KJ Charles ist übrigens das Pseudonym einer weiblichen Autorin, die mit ihren beiden Kindern in London lebt und hauptberuflich als Lektorin arbeitet. Auf ihrer Website gibt sie auch immer wieder interessante Schreibtipps.

Undertow

Undertow (original: Contracorriente) spielt in Peru, in einem kleinen Fischerdorf. Miguel ist gut integriert in die Dorfgemeinschaft, er wird häufiger gefragt, Grabreden zu halten. Es gibt eine alte Tradition im Ort, die Toten im Meer zu bestatten, nur so kann die Seele der Verstorbenen Ruhe finden, glaubt man.
Doch Miguel hat ein Geheimnis. Den gutaussehenden Fremden, den Fotografen Santiago - seit einer Weile haben die beiden eine Affäre. Ein fremder homosexueller Mann wird im Dorf nicht gerade gerne gesehen und da Miguel noch dazu verheiratet ist und bald Vater wird, tut er alles, um die Affäre geheim zu halten. Beenden will er sie jedoch auch nicht. Santiago dagegen möchte Miguel gerne für sich, es ist deutlich, dass er tiefe Gefühle für Miguel hegt. Doch erst als Santiago bei einem Tauchunfall ums Leben kommt, wird Miguel bewusst, wie viel ihm der Mann bedeutet. Als Santiago plötzlich als Geist vor ihm steht, ist er zunächst verwirrt, doch dann stellt er fest, dass er Santiago berühren kann, als wäre er noch aus Fleisch und Blut. Sie können sich unterhalten und händchenhaltend durch die Straßen gehen, ohne dass es jemand sieht. Sie können sich am Strand lieben und endlich über ihre Gefühle reden.
Doch Miguel hat auch Verpflichtungen. Seine Frau ist hoch schwanger und sie ahnt, dass etwas nicht stimmt. Und Miguel weiß, Santiago kann nicht ewig als Geist bei ihm bleiben, er muss seine Ruhe finden und dafür muss sein Leichnahm aus dem Meer geborgen und eine traditionelle Bestattung bekommen.
Die Geschichte von Undertow wurde ähnlich schon oft erzählt, erinnert auch an Freier Fall, wobei Undertow ein paar Jahre früher entstand. Ein verheirateter Mann, der noch dazu bald Vater wird und sich der Gefühle für einen anderen Mann bewusst wird. Das ist es auch, was mich an der Geschichte stört. Warum muss es immer noch eine schwangere Frau im Hintergrund geben? Das macht einem die Figuren nicht gerade sympathischer, gerade als Frau kann ich mir wohl kaum etwas fieseres vorstellen, als dass der Mann während der Schwangerschaft anstatt sich um die Frau zu kümmern, eine Affäre auslebt. Was mir an Undertow jedoch gut gefallen hat war, dass dieser Aspekt auch deutlich wird. Miguels Frau ist außer sich und zieht erstmal aus. Doch sie liebt ihn auch so sehr, dass sie ihn in seiner Trauer um Santiago sogar versteht. Der Aspekt der Geistergeschichte gibt der Story außerdem einen schönen Twist.
Ein weiterer Unterschied von Undertow zu vielen ähnlichen Filmen ist die wunderbare Kameraarbeit. Die Küstenlandschaft von Peru gibt eine schöne Kulisse ab und wie Santiago als Geist erscheint ist in starken Bildern eingefangen. Auch die Schauspieler, besonders Cristian Mercado als Miguel können ganz und gar überzeugen. Es ist außerdem bemerkenswert, dass der Film einer der ganz wenigen aus Peru ist, der eine schwule Geschichte erzählt. Der Regisseur sagt im Interview, dass er mit Anfeindungen am Drehort rechnete, jedoch offenes Interesse am Dreh bestand. Diese Aspekte machen Undertow zu einem besonderen Stück schwuler Filmgeschichte.

Peru 2009, Regie und Drehbuch: Javier Fuentes-León.

Samstag, 2. November 2013

Maurice von E. M. Forster

Vor einigen Jahren habe ich die Verfilmung des Buches gesehen und war nicht wirklich begeistert. Damals war mir auch noch nicht so sehr bewusst, welche Bedeutung das Buch und der Film hatten. Eine schwule Liebesgeschichte Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, mit einem Happy-End. So etwas gibt es ja sonst sehr selten. Aber immer noch ist der Film in meiner Erinnerung trotz Hugh Grant in einer der Hauptrollen keiner der besseren Queerfilme. Denn für meinen Geschmack ist der ästhetische Stil des Films zu sehr eine Ästhetik der Achtziger, sehr distanziert von den Figuren.
Nun, da ich auch das Buch gelesen habe, gefällt mir dieses weitaus besser, wie es ja oft der Fall ist, wenn sich innere Entwicklungen schelcht in Filmsprache übermitteln lassen.
Maurice  ist ein ganz normaler Internatsschüler, von gelegentlichen Schwärmereien für Mitschüler einmal abgesehen. Forster beschreibt ihn in allem als mittelmäßig und unauffällig. Dann kommt Maurice zum Studieren nach Cambridge. Er freundet sich rasch mit dem intelligenten Clive an, und bald verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Clive, der sich mit Philosophie und Literatur beschäftigt, ist sich seiner Neigung zu den "Griechen"  schon länger bewusst. Er gesteht Maurice seine Liebe, doch dieser obwohl er schon weiß, dass er Clive ebenfalls liebt, reagiert zunächst schockiert. Damals war Homosexualität nicht nur ein Tabu, es hätte zum gesellschaftlichen Ausschluss geführt, hätte jemand davon erfahren. Doch Maurice und Clive finden schließlich zueinander, wenn sie sich auch körperlich nie wirklich nahe kommen. Für Clive ist die platonische Liebe die höchste Form. Über Jahre besteht diese intensive Freundschaft, bis Clive plötzlich meint, dass er Maurice nicht mehr liebt und eine Frau heiratet.


Maurice ist tief verletzt und kann Clives Abweisung lange nicht akzeptieren. Erst allmählich wird ihm bewusst, dass seine Beziehung zu Clive nie das war, was er sich erträumt hat. Er hofft, er könnte ebenso wie Clive auch Frauen lieben, wenn er sich von einem Hypnotiseur behandeln lässt.
Erst die Erfahrung der körperlichen Nähe zu einem einfachen Wildhüter lässt Maurice erkennen, dass mit ihm nichts falsch ist und dass es für ihn möglich ist, eine glückliche Beziehung mit einem Mann zu führen.
Es ist dieses glückliche wenn auch recht offene Ende, dass das Buch so besonders macht. Zur damaligen Zeit wäre es undenkbar gewesen, dieses Buch zu veröffentlichen, so dass es erst nach Forsters Tod an die Öffentlichkeit kam. Es ist also ein Buch, das Foster zunächst für sich selbst schrieb. Ein wenig meint man es ihm anzumerken. Forsters Stil ist etwas weniger ausgereift als in seinen anderen Werken, er verfügt jedoch über ein Talent, die inneren Wandlungen seiner Figuren nachzuzeichnen, dass man sie sich plastsisch vorstellen kann. Maurice ist nicht unbedingt der sympatischte Protagonist. Nicht überaus intelligent, er hat keine großen Ambitionen für sein Leben, er behandelt seine Mutter und seine Schwester nicht immer gut und blickt auf die unteren Klassen herab. Damit ist er aber auch eine realistische Figur für seine Zeit. Clive ist am Ende der, der sich selbst verleugnet, der als langweiliger Gutsherr dasteht, der seine Frau nicht liebt und nie begreift, dass er mit Maurice eine erfüllte Beziehung hätte führen können.
Das Buch ist ein Schlag gegen die damaligen Moralvorstellungen und ein Plädoyer, sich sein Glück zu nehmen, auch wenn es bedeutet mit allen gesellschaftlichen Konventionen zu brechen.

Samstag, 28. September 2013

Der Mann, der Yngve liebte - Filmrezension

Heute möchte ich einen Film empfehlen, den ich schon vor einer Weile gesehen habe und über den ich schon seit einer Ewigkeit schreiben wollte.
Der Mann, der Yngve liebte ist ein wunderschöner norwegischer Coming-of-Age-Film.
Jarle ist ein Außenseiter, der Ende der Achtziger in einer kleinen norwegischen Stadt aufwächst. Alles wofür er sich interessiert ist die neueste Rockmusik. Was liegt da näher, als mit seinem besten Freund, der genauso tickt wie er eine Punkband zu gründen? Mit der Matthias Rust Band wollen sie ihre Rebellion äußern. Damit haben sie dann auch bestimmt gute Chancen bei den Mädchen. Der schönen Katrine zum Beispiel, in die sowohl Jarle als auch sein bester Freund sich verlieben. Doch Jarle ist der glückliche, der das Mädchen abbekommt. Mit seinen roten Haaren und dem verträumten Blick könnte Jarle durchaus ein Mädchenschwarm sein. Sein Leben läuft eigentlich perfekt, doch dann begegnet er Yngve. Der neue in der Klasse ist so ganz anders als Jarles sonstige Freunde. Er ist ein Popper, also eigentlich das Feindbild aller Punker. Yngve trägt weiße Kleidung und spielt Tennis. Zu Hause hört er Schlager. Doch Jarle ist aus irgendeinem Grund total fasziniert von Yngve und kann sich nicht von ihm losreißen. Immer wieder sucht er Yngves Nähe, bis er dadurch alles was er hat zu verlieren droht. Denn seine Freunde verstehen überhaupt nicht, warum Jarle plötzlich Tennis spielt und die Bandproben schwänzt, um sich mit Yngve zu treffen. Und seine Freundin bekommt auch langsam mit, dass etwas mit Jarle nicht stimmt.
Er hat sich in einen Jungen verliebt, aber er kann sich seine Gefühle nicht eingestehen und ist völlig von der Rolle. Niemand versteht ihn. Und auch mit Yngve kann er nicht zusammen sein. Rolf Kristian Larsen der Jarle spielt ist eine Entdeckung, aber auch die anderen jungen Schauspieler sind sehr glaubwürdig.
Am Ende des Films gibt es eine traurige Wendung, die man schon ein wenig ahnt, die mich aber dennoch sehr überrascht hat. Der Mann der Yngve liebte liefert keine Lösung am Ende des Films, es ist eine Geschichte vom Verliebtsein, die eine unerwartete Tiefe entfaltet. Wer eine seichte Liebesgeschichte erwartet, wird hier enttäuscht.
Es gibt noch mindestens zwei weitere Filme um Jarle und noch mehr Bücher (die Filme sind nach Romanen von Tore Renberg), ich habe sie allerdings noch nicht gesehen oder gelesen und glaube, es gibt darin jeweils andere Themen. Aber man kann Der Mann, der Yngve liebte auch als eigenständigen Film ansschauen.

Norwegen, 2008, Regie: Stian Kristiansen.

Dienstag, 6. August 2013

Beautiful people - Serienkritik

Beautiful People gibt es bisher leider nur auf Englisch. Die Serie, die auf einem autobiographischen Roman von Simon Doonan basiert, ist einzigartig und unheimlich witzig.
Der 13-jährige Simon sehnt sich nach nichts mehr, als endlich seine Heimat Reading zu verlassen und nach London zu ziehen. Denn was gibt es in dem Kaff schon für einen Jungen, der am liebsten zu den Spice Girls tanzt, der davon träumt einen goldenen Lockenstab zu besitzen oder die Hauptrolle in einem Musical zu spielen? Wenn wieder mal alles zu viel scheint, dann sagen er und sein bester Freund Kylie sich ihren Spruch auf: "Were will we live?"
"In London." "Who will we live amongst?" "The beautiful people!"
Seine Familie, obwohl durchaus liebevoll und tolerant, ist Simon nicht glamourös genug. Sein Vater, der aus Kartoffeln Wein herstellt, kann nicht viel mit ihm anfangen. Seine Mutter ist damit beschäftigt die bestangezogenste Frau im Viertel zu bleiben und sich ab und zu mit Kylies Mutter zu prügeln. Seine Schwester, die sich an jeden Typ im Viertel ranmacht, lässt sich immerhin von ihm frisieren und die blinde Hippiefreundin seiner Mutter, die bei ihnen lebt kauft ihm pinke Nylonanzüge. Der Ton der Serie ist zwar Comedy, es gibt aber ab und zu auch ernste Momente. Vor allem der junge Hauptdarsteller gibt der Serie ihr Herz. Ich hätte mir keinen anderen an seiner Stelle vorstellen können. Im Interview gibt Luke Ward-Wilkinson zu, dass er erst einmal überlegen musste, so eine Rolle anzunehmen. Am schwersten sei es gewesen, mit Highheels und Kleid durch den Schulflur zu rennen. Gut, dass er sich getraut hat, denn die Rolle des "flamboyanten" Teenies, der sich erst noch klar darüber werden muss, schwul zu sein, spielt er absolut glaubwürdig. Auch Olivia Colman als seine Mutter Debbie ist eine  perfekte Besetzung. Mit der Art ihres Sohnes hat sie kein Problem - als herauskommt, dass er das Kleid von Kylies Mom anprobiert hat, reagiert sie, wie eine Mutter auf so etwas nur reagieren könne: Warum hat er nicht mein Kleid genommen!
Es ist diese ganz spezielle Art von Humor, und vor allem der "Camp-Faktor", der die Serie zu so etwas besonderem macht. Gedreht von einem schwulen Regisseur, mit schwulem Produzent nach dem Roman eines schwulen Autors (auch wenn die Handlung von den 50ern in die 90er verlegt wurde).
Dennoch ist es keine wirklich typische Geschichte schwuler Teenager die in der Provinz aufwachsen, dafür ist das Setting zu überzeichnet und auch ein wenig schön gefärbt. Es ist eine Serie voller liebenswerter durchgeknallter Figuren und absurder Komik.
Allein die Titelmelodie ging mir auf die Dauer etwas auf die Nerven und auch die kurzen Einführungen des älteren Simon, der inzwischen Schaufensterdekorateur bei Barneys ist, waren für mich überflüssig.
Die zwei Staffeln umfassende Serie trägt das Prädikat ab 16 (die erste ab 12), wohl vor allem wegen einer Gewalt beinhaltenden Szenen, denn dort bleibt nicht alles so rosig. Ich bin immer wieder begeistert, an was für Stoffe die BBC sich herantraut.
Wer auf leicht abgedrehten britischen Humor und schwule Coming-of-age Geschichten steht, sollte sich die Serie unbedingt ansehen.