Mittwoch, 16. September 2020

Wo sind die queeren Figuren in der Urban Fantasy?




In den letzten Jahren sind diverse Figuren geradezu ein Trend vor allem bei amerikanischen Fantasy-Jugendbüchern. Kaum noch ein Buch, in dem es nicht mindestens eine queere Figur gibt oder POC-Figuren vorkommen. In Deutschland hat sich der Trend noch nicht ganz so durchgesetzt, auch wenn immer mehr Bücher gerade mit queeren Figuren übersetzt werden und auch zu Bestsellern werden. Doch gerade was Urban Fantasy betrifft, besteht da noch deutlicher Nachholbedarf. Unter Urban Fantasy wird Fantasy verstanden, die in unserer gegenwärtigen Welt spielt, aber phantastische Elemente wie Magie, Vampire, Werwölfe, Wandler, Hexen etc. aufweist. Das Wort Urban verweist darauf, dass diese Geschichten meist in einem städtischen Setting angesiedelt sind.

Hauptfiguren in Urban Fantasy sind meistens entweder heterosexuelle männliche Magier (meistens in denen von männlichen Autoren geschriebenen Reihen wie „Dresden Files“, „Iron Druid“). Während in denen von Frauen geschriebenen Reihen meistens weibliche Heldinnen vorkommen, die am Ende ihren männlichen Partner finden. Abweichungen von diesem Muster gibt es wenige.

Ein Beispiel im Jugendbuch-Bereich für queere Repräsentation im Genre ist die Raven Boys-Reihe von Maggie Stiefvater, in der es in den späteren Bänden auch um einen schwulen Jungen geht, der in der Freundesgruppe von vier Jungs und einem Mädchen in den Fokus gerückt wird. Ronan ist ein schroffer Charakter, der so einige Probleme mit sich selbst hat. Am beliebtesten ist aber wohl die Shadowhunters-Reihe, die ebenfalls sehr diverse Figuren vorzuweisen hat. Die Shadowhunters sind eine Einheit von magisch begabten Wächtern über die übernatürliche Welt. Der pansexuelle Warlock Magnus Bane tritt erstmals in der Mortal Instruments-Reihe auf, ein Halbdämon, der extravagante Kleidung liebt, unsterblich ist und sich in den schüchternen und unerfahrenen Shadowhunter Alec verliebt. Die beiden bekamen sogar ein eigenes Buch. In der Reihe Dark Artifices kommt auch eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen vor, sowie ein Liebesdreieck zwischen zwei Männern und einer Frau, die am Ende eine schöne Lösung findet. Der Erfolg der Reihen zeigt, dass vor allem auch junge Leser queere Figuren gerne lesen. Unter deutschsprachigen Autor*innen hat es das Genre im Jugendbuch ohnehin etwas schwer, wenn die Liebesgeschichte nicht im Zentrum steht. Da muss man sich eher bei kleinen Verlagen und Selfpublishern umschauen. Juliane Seidel hat mit ihrer Nachtschatten-Trilogie um Schutzengel und übernatürliche Jäger nicht nur einen jungen Schutzengel und einen Vampir, die sich verlieben, sondern auch ein lesbisches Werwolf-Pärchen. Außerdem gibt es noch einen pansexuellen Magier. Die queere Repräsentation ist also hoch bei der lesbischen Autorin. In ihrem Einzelband Herz aus Kristall über mystische Wasserwesen, geht es vorrangig um ein lesbisches Paar.

Die Roten Schriftrollen handelt
 von Magnus und Alec

Wenn man jedoch bei Büchern für Erwachsene guckt, steht das Genre in der Literatur weit hinter der Entwicklung von TV-Serien. Buffy war in den 90ern mit der lesbischen Hexe Willow und ihrer Beziehung zu einer Frau Vorreiter. Als eine der ersten Serien zeigte die Serie queere Figuren abseits von reinen Coming-out-Geschichten. Während in weiteren Klassikern des Genre wie Supernatural queere Figuren eher am Rande vorkommen (wie die lesbische Hackerin Charly), setzen Serien wie Lost Girl sogar auf eine bisexuelle Hauptfigur. Succubus Bo hat mit einigen Frauen etwas. Auch Teen Wolf hat in Sachen Repräsentation ordentlich vorgelegt. Sie zeigte eine Reihe queerer Figuren, vor allem schwule. Ab der ersten Staffel waren immer wieder schwule Figuren dabei und es kommen immer neue dazu, zudem spielten zwei inzwischen offen lebende schwule Schauspieler in der Serie mit. Auch bei der Vampir-Serie True Blood gab es so einige queere Figuren und Szenen. Unvergessen, wie sich Jason im Vampirblutrausch nach Eric verzehrt. Zwischen den Vampiren Tara und Pam gab es eine Beziehung und nicht zu vergessen der schwule Koch Lafayette. Dessen Charakter, mit seinem bunten Stil und seiner unverblümten Art hervor stach. Er lässt sich nichts gefallen, ist für seine Freunde da, geht aber auch zwielichtigen Geschäften nach und ist nicht immer nett. Dagegen werden die queeren Figuren in anderen Serien fast immer nur positiv dargestellt.

Neuere Urban Fantasy Serien wie Midnight, Texas, die auch auf Büchern von Charlaine Haarris basiert hat als Hauptfiguren ein Paar aus einem Engel und einem Dämonen. Da verwundert es, dass sich das in der neueren Literatur noch nicht so durchgesetzt hat. Auch die Jugend-Serie Sabrina macht bei der Repräsentation queerer Figuren sehr viel richtig. Nicht nur gibt es einen pansexuellen männlichen POC-Charakter mit diversen Beziehungen zu Männern und Frauen, es gibt außerdem einen trans Mann, der sich im Laufe der zwei Staffeln über seine Gender-Identität klar wird und von allen akzeptiert wird, wie er ist.

Urban Fantasy ist ja eh ein Genre, das mit seinen Vampiren, Werwölfen, Wandlern, Magiern, Hexen und weiteren übernatürlichen Wesen auch immer ein Spiegel unserer Gesellschaft ist. Die magischen Wesen sind oft als diskriminiert dargestellt, die „anderen“, die nicht in die Gesellschaft passen. Meist geht es um die Konflikte, die durch das Zusammenleben von Menschen und Übernatürlichen entstehen. Somit sind die Diskriminierungen von Wandlern und Co oft eine Metapher für Rassismus oder eben auch Homophobie.

Nachtschatten 1

Wenn man auf dem deutschen Buchmarkt nach guter Urban Fantasy mit queeren Figuren sucht, muss man sich bei den Selfpublishern umgucken. Bücher, die von Werwölfen oder anderen Wandlern handeln und bei denen der Fokus auf die Liebesgeschichte gelegt ist, mit Alpha und Omega-Wölfen, zähle ich mal zu einem ganz eigenen Genre. Von diesen Büchern gibt es unendlich viele, da sie sich auch großer Beliebtheit erfreuen. Eher klassische Urban Fantasy, in der es oft um Ermittler in übernatürlichen Kriminalfällen geht, ist dagegen rar. Das liegt wohl auch daran, dass sie nicht so viel gelesen werden. Insbesondere, wenn es sich nicht um „Paranormal Romance“ handelt, bei der die Liebesgeschichte klar im Fokus steht, während Urban Fantasy auch ohne die Liebesgeschichte auskommen sollte. Die Übergänge sind dabei aber fließend und natürlich kann auch in Urban Fantasy eine Liebesgeschichte wichtig sein, es gibt aber dennoch einen Plot, der sich nicht nur um diese Liebesgeschichte dreht. Urban Fantasy führt ohnehin eher ein Nischendasein im Fantasy-Genre, wenn man von den vielen Romance-Büchern über Vampire, Werwölfe, etc. mal absieht. Jedoch bringt das Genre auch immer wieder Bestseller hervor. Alle deutschschprachigen Autorinnen, die ich hier erwähne, sind übrigens Own Voice, in dem Sinne, dass sie in einer Form queer sind, sei es nun bisexuell, lesbisch, pan, asexuell oder non-binary.

Sündenfall Jäger in den Schatten
Als ich meine Lee und Caldwell-Reihe angefangen habe, klassische Urban Fantasy mit etwas Gay Romance versehen, war es vor allem meine Liebe zu Serien wie Buffy oder Supernatural, die mich inspiriert hat. Ähnlich ging es wohl auch Dahlia von Dohlenburg, die mit ihrer Jäger in den Schatten-Reihe sehr empfehlenswerte Urban Fantasy geschrieben hat. Noch dazu spielt die Reihe in Deutschland, was mal eine schöne Abwechslung ist. Es geht um Sebastian, der durch eine Werwolf-Attacke in eine komplexe Geschichte um Dämonen, Werwölfen und Vampiren gerät. Um zu überleben, muss Sebastian im Quartier der Sondereinheit für übernatürliche Fälle einziehen. Dort trifft er auf den Halbdämon Nikolai. Ihre Liebesgeschichte entwickelt sich langsam und steht nicht so sehr im Fokus der Handlung. Auch die anderen Figuren wie die Vampirin Tilda bekommen ihre Perspektive. Im zweiten Band erzählt die Autorin eine berührende und spannende Geschichte über den Kampf des Teams gegen einen Verräter.


Einen ähnlichen Weg geht Sandra Gernt alias Sonja Amatis mit ihrer Code 0-37-Reihe um zwei Ermittler der Londoner Polizei, die sich gegen übermächtige übernatürliche Gegner stellen müssen. Ian wurde gerade nach London versetzt und muss mit dem grantigen Marcus klarkommen, der sonst alle Partner vergrault, denn er hat ein Geheimnis, das er um jeden Preis hüten muss. In der bisher 7-bändigen Reihe gibt es immer wieder neue Fälle. Sie müssen sich mit Yetis, blutenden Statuen oder mächtigen Dämonen herumschlagen. Dabei gibt es aber auch eine übergeordnete Handlung, und Nebenfiguren wie den kleinen Kobold Taubrin oder einen schokoladensüchtigen Dämon, die man schnell ins Herz schließt. Die Liebesgeschichte entwickelt sich auch hier wieder sehr langsam und steht nicht im Fokus. Der Ton ist dabei zwar manchmal auch recht düster und ernst, aber auch immer wieder humorvoll.

Of Courage and Ink 11 Sekunden von Gabriella QueenFailed 1Auf Eis gelegt Code 0-37

Noch mehr Richtung Humor geht Chris P. Rolls Failed-Reihe. Zwar handelt sie von Wandlern, aber abseits von ausgetretenen Alpha-Omega-Wegen. Failed, das ist eine geheime Sondereinheit der Wandler-Polizei. Denn die Mitglieder gelten alle als fehlerhaft. Sie verwandeln sich nur halb oder können ihre Wandlung nicht kontrollieren. In diese Abteilung wird der eifrige Kaninchen-Wandler Louis versetzt, der sonst in der Wandler-Hierarchie als Pflanzenfresser ganz unten steht. Dort trifft er auf den Elite-Agenten Cosmo, der ausgerechnet ein Karnivore ist. Das hindert die beiden aber nicht daran, sich zu verlieben. Dabei wird es auch mal recht erotisch. Chris P. Rolls versteht es, die Wandler mit sehr viel Humor und Liebe darzustellen. Ihre Abenteuer sind dabei aber trotz der satirischen Elemente spannend zu lesen. Hervorzuheben ist auch, dass es mit Merle eine trans Frau unter den Figuren dabei ist. Eine Hackerin und Amsel-Wandlerin. Von Chris P. Rolls stammt außerdem die Reihe Die Anderen, in der es um Dämonen in Lüneburg geht und in der verschieden queere Figuren vorkommen.

Eine Mischung aus Urban Fantasy und Superhelden-Genre ist ist Gabriella Queens Reihe um Menschen mit besonderen Kräften in Of Courage and Ink, im ersten Band 11 Sekunden geht es um Ken, der alles im Leben durchplant, bis er merkt, dass er die Gabe hat, die Zeit zu manipulieren. Er zieht bei einem Event-Zauberer ein, und die beiden bekommen es mit jemandem zu tun, der seine Superkräfte für den eigenen Vorteil missbraucht und dabei sogar über Leichen geht. Die Liebesgeschichte und der spannende Plot halten sich im Roman sehr gut die Waage.

Im Bereich der Gay Romance gibt es noch einige Beispiele für Urban Fantasy-Reihen, wie zum Beispiel Leann Porters Reihe um den schottischen Dämonenjäger Jericho March. Aber auch jenseits dessen gibt es Beispiele für queere Liebesgeschichten. In seiner langen Fortsetzungsreihe Das Erbe der Macht hat Andreas Suchanek etwa eine Beziehung zwischen zwei Jungs dabei. Serena C. Evans schreibt über lesbische Werwölfe in Die Wölfin und ich und Tina Skupin in ihrer Novelle Wild Hunt Casino über queere Elfen und die Wilde Jagd in Las Vegas. Dabei kommen vielfältig queere Charaktere vor. Das ist aber leider eine Ausnahme.

Denn wenn es mal nicht um schwule oder bisexuelle cis Männer gehen soll, muss man lange suchen. Trans Figuren aber auch lesbische oder bisexuelle weibliche Figuren sind leider recht rar gesät. Auch nicht binäre, intersex oder asexuelle Figuren sucht man zumindest auf den deutschen Buchmarkt lange. Vor allem, wenn es keine Neben- sondern Hauptfiguren sein sollen.

Es wundert leider nicht, wenn man mit  Autor*innen spricht, denn sogar im noch beliebteren Genre der Gay Romance berichten alle davon dass sich Fantasy schlecht verkauft. Autor*innen, die vom Schreiben leben, brechen dann Reihen ab oder geben das Genre wieder auf. Ein Problem dabei ist wohl auch, dass Bücher mit einer Liebesgeschichte zwischen zwei Männer immer als Romance bezeichnet werden, auch wenn es gar nicht die Genrekonventionen von Romance erfüllt und die Liebesgeschichte nur eine kleine Rolle spielt. So gehen Bücher, die auch von Leser*innen, die kein Romance mögen, gemocht werden könnten, unter. Romance-Liebhaber kaufen die Bücher wiederum weniger, weil sie eher noch mehr Liebe möchten. Andererseits müssen Leser*innen, die gerne über queere Figuren lesen, diese bei den Büchern aus großen Verlagen, in denen es ab und zu mal queere Nebenfiguren gibt, erstmal finden. Vor einer Weile suchte eine Lektorin der Fantasy-Abteilung beim Knaur-Verlag über Twitter nach Urban Fantasy mit diversen Figuren, fand aber kein geeignetes Manuskript. Viele Autor*innen wiederum denken wohl, dass sie mit einem Buch mit queeren Hauptfiguren bei einem großen Verlag eh keine Chance haben, und veröffentlichen von vornherein im Kleinverlag, Selfpublishing oder auf Online-Plattformen. Selfpublishing bietet natürlich noch viele andere Vorteile, weshalb ich mich auch dafür entschieden habe. Andere Autor*innen reicht es, wenn ihre Texte einfach nur gelesen werden. So veröffentlicht zum Beispiel Alex von alpakawolken.de siere Roman mit einem queeren Cast bisher nur Online.

Dabei beweisen ja die Erfolge von den vielen Serien und der Shadowhunters-Reihe, dass Leser*innen Fantasy-Bücher mit queeren Figuren lesen, vor allem junge Leser sie sogar wünschen. Es ist Zeit, dass das Genre in der Literatur auch da ankommt, wo es im Serienformat schon lange ist.


Kennt ihr gute Urban Fantasy mit queeren Figuren? Dann schreibt es gerne in die Kommentare.

Kommentare:

  1. In meinem zweiten Roman ist mir was spannendes passiert.
    Ich schrieb so vor mich hin und kam dann an die Zeile "... und sie küssten sich."
    Ich lehnte mich verblüfft zurück - der Prota ist schwul! Damit habe ich nicht gerechnet.
    Guckte mir noch einmal die Charakterprogression an - passte. OK, dann war er halt schwul
    und habe weiter geschrieben ;-)

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