In den letzten Jahren sind diverse, also BIPoC oder queere Figuren, Figuren mit Behinderungen etc., geradezu ein Trend vor allem bei amerikanischen Fantasy-Jugendbüchern. Kaum noch ein Buch, in dem es nicht mindestens eine queere Figur gibt oder PoC-Figuren vorkommen. In Deutschland hat sich der Trend noch nicht ganz so durchgesetzt, auch wenn immer mehr Bücher gerade mit queeren Figuren übersetzt und auch zu Bestsellern werden. Doch gerade was Urban Fantasy betrifft, besteht da noch deutlicher Nachholbedarf. Unter Urban Fantasy wird Fantasy verstanden, die in unserer gegenwärtigen Welt spielt, aber phantastische Elemente wie Magie, Vampire, Werwölfe, Wandler*innen, Hexen etc. aufweist. Das Wort Urban verweist darauf, dass diese Geschichten meist in einem städtischen Setting angesiedelt sind.
Hauptfiguren in Urban Fantasy sind meistens entweder
heterosexuelle männliche Magier (meistens in den von männlichen Autoren
geschriebenen Reihen wie „The Dresden Files“ von Jim Butcher oder „The Iron Druid“ von Kevin Hearne). Während in denen von
Frauen geschriebenen Reihen meistens weibliche Heldinnen vorkommen, die am Ende
ihren männlichen Partner finden. Abweichungen von diesem Muster gibt es wenige.
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Die Roten Schriftrollen handelt von Magnus und Alec |
Wenn man jedoch bei Büchern für Erwachsene guckt, steht das Genre in der Literatur weit hinter der Entwicklung von TV-Serien. Buffy war in den 90ern mit der lesbischen Hexe Willow und ihrer Beziehung zu einer Frau Vorreiter. Als eine der ersten Serien zeigte die Serie queere Figuren abseits von reinen Coming-out-Geschichten. Während in weiteren Klassikern des Genre wie Supernatural queere Figuren eher am Rande vorkommen (wie die lesbische Hackerin Charly), setzen Serien wie Lost Girl sogar auf eine bisexuelle Hauptfigur. Succubus Bo hat Affären und Beziehungen mit Frauen. Auch Teen Wolf hat in Sachen Repräsentation ordentlich vorgelegt. Sie zeigte eine Reihe queerer Figuren, vor allem schwule. Ab der ersten Staffel waren immer wieder schwule Figuren dabei und es kommen immer neue dazu, zudem spielten zwei inzwischen offen lebende schwule Schauspieler in der Serie mit. Auch bei der Vampir-Serie True Blood gab es so einige queere Figuren und Szenen. Unvergessen, wie sich Jason im Vampirblutrausch nach Eric verzehrt. Zwischen den Vampiren Tara und Pam gab es eine Beziehung, und nicht zu vergessen der schwule Koch Lafayette. Dessen Charakter, mit seinem bunten Stil und seiner unverblümten Art hervorstach. Er lässt sich nichts gefallen, ist für seine Freunde da, geht aber auch zwielichtigen Geschäften nach und ist nicht immer nett. Dagegen werden die queeren Figuren in den anderen erwähnten Serien fast immer nur positiv dargestellt.
Neuere Urban Fantasy Serien wie Midnight, Texas, die auch auf Büchern von Charlaine Harris basiert, hat als Hauptfiguren ein Paar aus einem Engel und einem Dämonen. Da verwundert es, dass sich das in der neueren Literatur noch nicht so durchgesetzt hat. Auch die Jugend-Serie Chilling Adventures of Sabrina macht bei der Repräsentation queerer Figuren sehr viel richtig. Nicht nur gibt es einen pansexuellen männlichen PoC-Charakter mit diversen Beziehungen zu Männern und Frauen, es gibt außerdem einen trans Mann, der sich im Laufe der zwei Staffeln über seine Gender-Identität klar wird und von allen akzeptiert wird, wie er ist.
Urban Fantasy ist ja eh ein Genre, das mit seinen Vampiren,
Werwölfen, Wandlern, Magiern, Hexen und weiteren übernatürlichen Wesen auch
immer ein Spiegel unserer Gesellschaft ist. Die magischen Wesen sind oft als
diskriminiert dargestellt, die „anderen“, die nicht in die Gesellschaft passen.
Meist geht es um die Konflikte, die durch das Zusammenleben von Menschen und
Übernatürlichen entstehen. Somit sind die Diskriminierungen von Wandler*innen und Co. oft eine Metapher für Rassismus oder eben auch Homophobie.
Wenn man auf dem deutschen Buchmarkt nach guter Urban Fantasy mit queeren Figuren sucht, muss man sich bei den Selfpublishern umgucken. Bücher, die von Werwölfen oder anderen Wandlern handeln und bei denen der Fokus auf die Liebesgeschichte gelegt ist, mit Alpha und Omega-Wölfen, zähle ich mal zu einem ganz eigenen Genre. Von diesen Büchern gibt es unendlich viele, da sie sich auch großer Beliebtheit erfreuen. Eher klassische Urban Fantasy, in der es oft um Ermittler*innen in übernatürlichen Kriminalfällen geht, ist dagegen rar. Das liegt wohl auch daran, dass sie nicht so viel gelesen werden. Insbesondere, wenn es sich nicht um „Paranormal Romance“ handelt, bei der die Liebesgeschichte klar im Fokus steht, während Urban Fantasy auch ohne die Liebesgeschichte auskommen sollte. Die Übergänge sind dabei aber fließend und natürlich kann auch in Urban Fantasy eine Liebesgeschichte wichtig sein, es gibt aber dennoch einen Plot, der sich nicht nur um diese Liebesgeschichte dreht. Urban Fantasy führt ohnehin eher ein Nischendasein im Fantasy-Genre, wenn man von den vielen Romance-Büchern über Vampire, Werwölfe, etc. mal absieht. Jedoch bringt das Genre auch immer wieder Bestseller hervor. Fast alle deutschsprachigen Autorinnen, die ich hier erwähne, sind übrigens Own Voice, in dem Sinne, dass sie in einer Form queer sind, sei es nun bisexuell, lesbisch, pan, asexuell oder nichtbinär.
Eine Mischung aus Urban Fantasy und Superhelden-Genre ist ist Gabriella Queens Reihe um Menschen mit besonderen Kräften in Of Courage and Ink, im ersten Band 11 Sekunden geht es um Ken, der alles im Leben durchplant, bis er merkt, dass er die Gabe hat, die Zeit zu manipulieren. Er zieht bei einem Event-Zauberer ein, und die beiden bekommen es mit jemandem zu tun, der seine Superkräfte für den eigenen Vorteil missbraucht und dabei sogar über Leichen geht. Die Liebesgeschichte und der spannende Plot halten sich im Roman sehr gut die Waage.
Im Bereich der Gay Romance gibt es noch einige Beispiele für Urban Fantasy-Reihen, wie zum Beispiel Leann Porters Reihe um den schottischen Dämonenjäger Jericho March. Aber auch jenseits dessen gibt es Beispiele für queere Liebesgeschichten. In seiner langen Fortsetzungsreihe Das Erbe der Macht hat Andreas Suchanek etwa eine Beziehung zwischen zwei Jungs dabei. Serena C. Evans schreibt über lesbische Werwölfe in Die Wölfin und ich und Tina Skupin in ihrer Novelle Wild Hunt Casino über queere Elfen und die Wilde Jagd in Las Vegas. Dabei kommen vielfältig queere Charaktere vor. Das ist aber leider eine Ausnahme.
Denn wenn es mal nicht um schwule oder bisexuelle cis Männer
gehen soll, muss man lange suchen. Trans Figuren aber auch lesbische oder
bisexuelle weibliche Figuren sind leider recht rar gesät. Auch nicht binäre, intersex oder asexuelle Figuren sucht man zumindest auf den deutschen Buchmarkt lange.
Vor allem, wenn es keine Neben- sondern Hauptfiguren sein sollen.
Es wundert leider nicht, wenn man mit Autor*innen spricht, denn sogar im noch
beliebteren Genre der Gay Romance berichten alle davon, dass sich Fantasy
schlecht verkauft. Autor*innen, die vom Schreiben leben, brechen dann Reihen ab
oder geben das Genre wieder auf. Ein Problem dabei ist wohl auch, dass Bücher
mit einer Liebesgeschichte zwischen zwei Männern immer als Romance bezeichnet
werden, auch wenn es gar nicht die Genrekonventionen von Romance erfüllt und
die Liebesgeschichte nur eine kleine Rolle spielt. So gehen Bücher, die auch
von Leser*innen, die kein Romance mögen, gemocht werden könnten, unter.
Romance-Liebhaber kaufen die Bücher wiederum weniger, weil sie eher noch mehr
Liebe möchten. Andererseits müssen Leser*innen, die gerne über queere Figuren
lesen, diese bei den Büchern aus großen Verlagen, in denen es ab und zu mal
queere Nebenfiguren gibt, erst mal finden. Vor einer Weile suchte eine Lektorin
der Fantasy-Abteilung beim Knaur-Verlag über Twitter nach Urban Fantasy mit
diversen Figuren, fand aber nur ein geeignetes Manuskript. Viele Autor*innen
wiederum denken wohl, dass sie mit einem Buch mit queeren Hauptfiguren bei
einem großen Verlag eh keine Chance haben, und veröffentlichen von vornherein
im Kleinverlag, Selfpublishing oder auf Online-Plattformen. Selfpublishing
bietet natürlich noch viele andere Vorteile, weshalb ich mich auch dafür
entschieden habe. Andere Autor*innen reicht es, wenn ihre Texte einfach nur
gelesen werden. So veröffentlicht zum Beispiel Alex von alpakawolken.de sieren Roman mit einem queeren Cast bisher nur online.
Dabei beweisen ja die Erfolge von den vielen Serien und den
Shadowhunters-Reihen, dass Leser*innen Fantasy-Bücher mit queeren Figuren lesen,
vor allem junge Leser sie sogar wünschen. Es ist Zeit, dass das Genre in der
Literatur auch da ankommt, wo es im Serienformat schon lange ist.
Kennt ihr gute Urban Fantasy mit queeren Figuren? Dann schreibt es gerne in die Kommentare.
In meinem zweiten Roman ist mir was spannendes passiert.
AntwortenLöschenIch schrieb so vor mich hin und kam dann an die Zeile "... und sie küssten sich."
Ich lehnte mich verblüfft zurück - der Prota ist schwul! Damit habe ich nicht gerechnet.
Guckte mir noch einmal die Charakterprogression an - passte. OK, dann war er halt schwul
und habe weiter geschrieben ;-)
Na so soll es doch sein. :)
LöschenIn der Totenbändiger-Reihe sind alle Totenbändiger plansexuell. Die Liebesgeschichten laufen allerdings nur so am Rande. Und es ist ein Genremix aus Dark (Urban) Fantasy, Mystery und Thriller, also nicht klassisch Urban.
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