Donnerstag, 20. Juni 2013

Wie erschafft man richtig lebendig wirkende Figuren?

Welche Romane sind euch so richtig gut in Erinnerung geblieben, obwohl es schon länger her ist, dass ihr sie gelesen habt? Bei mir sind das Bücher mit einzigartigen lebendigen Figuren, Figuren, die einem wie reale Personen erscheinen, mit denen man mitleidet und bei denen man sich manchmal wünscht, es würde sie wirklich geben.
Mir selbst fallen spontan nur eine Handvoll solcher Figuren ein. Die meisten Figuren, die mir in Büchern begegnen sind entweder zu klischeehaft oder zu einseitig um wie echte Personen zu wirken. Ich will gar nicht behaupten, dass ich selbst es besser kann, denn es ist verdammt schwer, sich solche Figuren auszudenken. Es erfordert viel Zeit und Arbeit.
Bei mir ist es so, dass Geschichten und Figuren meist von ganz allein kommen, sie sind einfach da. Aber sie sind nicht immer fertig, wenn sie sich mir vorstellen. Manchmal fange ich dann an zu schreiben und merke dann erst, dass die Figuren noch etwas Feinschliff benötigen. Sie sollen nicht nur handeln und den Plot vorantreiben. Bei meinem aktuellen Projekt, das ich jetzt "Verführung eines Gentleman" genannt habe, ist mir aufgefallen, dass meine Hauptfiguren zwar nach meinem Plot handeln, aber dabei nicht richtig lebendig wirkten, ich wusste einfach noch zu wenig über sie.
Wie gelingt es nun, dass sich das ändert? Ein Patentrezept gibt es wohl nicht. Jeder Autor arbeitet anders. Im Internet lassen sich einige Charakterfragebögen finden, wo man die Eigenschaften seiner Figuren einträgt. Ich selbst arbeite nicht damit, da ich immer alles im Kopf habe und selten etwas aufschreibe. Insbesondere das Aussehen und die vordergründigen Eigenschaften sehe ich meist direkt vor mir. Dazu gehört nicht nur das Erscheinungsbild, auch die Stimme ist etwas, was einen Menschen auszeichnet und was ich selbst häufig vergesse zu beschreiben. Außerdem Gesten und Mimik, Dinge, die jemand immer tut, wenn er nervös ist oder ob jemand einen besonderen Gang hat.
Wenn man von außen nach innen vorgeht, müsste man dann auch das soziale Netzwerk seiner Figur erfassen. Welche Menschen sind ihm wichtig, wie ist das Verhältnis zu den Eltern, zum Partner, zu Freunden? Das ist bei mir  aber etwas, was sich nach und nach beim Plotten herausstellt. Ich mache mit meinen Figuren meistens erstmal einen Persönlichkeitstest, auch wenn das unbewusst abläuft. Ist die Figur eher introvertit oder extrovertiert, schüchtern oder selbstbewusst, offen oder verschlossen, eine Quasselstrippe oder eher ruhig? Vertraut sie leicht anderen Menschen?
Auch die groben Daten der Biographie weiß ich meistens recht schnell. Zu erwähnen, welchen Beruf eine Person hat, oder wo sie aufgewachsen ist, trägt jedoch nur dann etwas zu Einzigartigkeit bei, wenn es nicht nur gesagt wird, sondern sich gleich etwas damit verbindet. Zum Beispiel wäre es bezeichnend, wenn die Person ihren Beruf hasst. Oder man bringt immer wieder Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend mit ein, die die Person geprägt haben. Das können Kleinigkeiten sein oder grundlegende Wendepunkte. So hat das zum Beispiel Andreas Steinhöfel in "Die Mitte der Welt gemacht." Ich finde seine Figuren wirken zwar alle etwas überzeichnet, aber auch sehr lebendig und das liegt daran, dass man so viele Details über sie erfährt, dass man sich kaum vorstellen kann, dass der Autor sich das alles ausdenken konnte. Ein Mittel wäre natürlich auch, eigene Erinnerungen verfremdet einzubinden. Dazu könnte man zum Beispiel in seinen Erinnerungen wühlen und sich fragen, woran erinnere ich mich aus meiner Kindheit? Was hat mich geprägt? Oder man stellt diese Fragen Bekannten. Man muss natürlich keine intimen Details aus seinem eigenen Leben verraten. Aber es kann ein Anhaltspunkt sein, um sich zu überlegen, was seine erfundenen Figuren geprägt haben könnte. Also ich bin ja fürs psychologisieren, denn auch wenn man nicht jedes Detail wissen muss, dass seine Figuren geprägt hat und es erst recht nicht wie aus einem Psychologielehrbuch wirken sollte, ist es doch ein Teil davon, der einer Figur Tiefe verleiht.

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In Schreibratgebern ist immer mal zu lesen, man sollte der Figur ein Ziel geben, das sie erreichen möchte, wie zum Beispiel Karriere zu machen. Das ist dann aber nicht das eigentliche Ziel der Figur, sondern sie stellt dann fest, dass sie eigentlich nach der großen Liebe sucht. So bekommt man vielleicht einen Hollywoodfilm aber noch keine wirklich real wirkenden Figuren. Denn eine Figur sollte sich in einem Buch zwar entwickeln und dafür braucht sie auch Ziele, aber ich zum Beispiel habe nicht nur ein Ziel im Leben, sondern mehrere, die sich manchmal auch widersprechen.
Wenn ich mir die Figuren anschaue, die mir so gut in Erinnerung geblieben sind, dass ich schon fast vergessen könnte, dass sie gar nicht real sind, dann ist es eine Summe von sehr vielen Details, die ich über die Figuren weiß. Genau wie es bei realen Personen ist. Denn mal ehrlich, könntet ihr eure Freunde auf anhieb in den Big Five Persönlichkeitsmerkmalen einsortieren? Kennt ihr ihre Ziele im Leben oder ihre komplette Biographie? Was fällt euch als erstes ein, wenn ihr an eine bestimmte Person denkt, was zeichnet diese Person aus? Warum mögt ihr sie, warum nicht?
Zum Beispiel mag ich an einer Freundin, das sie immer so positiv eingestellt ist und allem ohne Vorurteile begegnet und dass sie sich an kleinen Dingen so sehr freuen kann. An jemand anderen mag ich, dass er so offen über seine Schwächen reden kann und sich immer um seine Freunde kümmert.
Man könnte es als Einstellung bezeichnen, mit der man der Welt und anderen Menschen gegenübertritt. Jemand, der alles immer nur grauenhaft findet und sich über alles aufregt kann eine interessante Erzählstimme abgeben.
Ängste, innere Konflikte, Sehnsüchte, Ziele, das sind Sachen, die ich manchmal erst ganz weiß, wenn ich einen Text beendet habe. Denn wenn man diese Dinge konkret benennt, ist es manchmal nur halb so spannend, viel schöner finde ich, wenn man sie indirekt mit einfließen lässt und der Leser sie sich selbst zusammenreimen kann. Das geht natürlich nicht immer, denn Figuren reflektieren ja auch über sich selbst und wenn man nicht gerade einen sehr distanzierten Erzähler hat, dann wird er seine Ängste selbst bemerken.
Ein Beispiel für Bücher mit richtig tollen lebendigen Figuren ist für mich die Adrian Mayfield-Reihe von Floortje Zwigtman. Die Bücher werden sicherlich viele Leser des Genre kennen. Die Trilogie spielt Ende des neunzehnten Jahrhunderts in London. Der 16-jährige Adrian Mayfield gerät in die Kreise von Oscar Wilde und anderen Künstlern. Was für mich Adrian selbst als Figur so lebendig macht ist seine Erzählstimme. Wie er die Welt sieht, wie er über sich selbst nachdenkt, wie er das London dieser Zeit  beschreibt. Es sind so viele Details die zusammenkommen, so vie, was man über ihn erfährt, dass ich mich immer wieder dabei ertappt habe, wie ich dachte, dass es so schade ist, dass es ihn nicht wirklich gab. Aber auch alle anderen Figuren in den Büchern werden so beschrieben, dass man sie sofort vor Augen hat. Vom Aussehen über Gesten, Einstellungen und innere Widersprüche. Alles erfährt man nebenbei, dass man meint, direkt dabei zu sein und sie vor sich zu sehen.
Erst als ich das Buch gelesen habe, ist mir klar geworden, dass es das ist, was diese Figuren auszeichnet und sie so lebendig wirken lässt. All die kleinen Details, ihre Vorlieben für ein bestimmtes Buch, bestimmte Getränke, ob sie die Runden im Café Royal mögen oder nicht, wie sie sich in Diskussionen einmischen oder nicht, wie sie andere behandeln (bewundernd, herablassend, freundlich?). Wovor sie Angst haben. Warum sind sie an einem Tag fröhlich und offen und am nächsten traurig und verschlossen? Das alles setzt sich am  Ende zu einem Bild zusammen, das manchmal voller Widersprüche steckt und gerade das wirkt so realistisch. Ich glaube nicht, dass ich es jemals schaffen werde, ein so lebendiges tolles Buch zu schreiben wie Floortje Zwigtman, aber ich möchte zumindest irgendwnan in die Nähe dessen kommen.
Um so viele Details über meine eigenen Figuren zu wissen, muss ich sie lange kennen und ich muss ehrlich sagen, dass ich mir nicht immer die Zeit dafür nehme. Zum Beispiel habe ich an "Lex" wirklich lange geschrieben. Die Grundidee kam 2006, nachdem ich Abi gemacht habe. Ich habe sehr viel auf Papier geschrieben, ich hatte da gerade keinen PC und auch noch keinen Laptop. Da kamen sehr viele Szenen zusammen, die nicht im endgültigen Text gelandet sind, aber mir viel über die Figuren verraten haben. Manchmal einfache alltägliche Szenen, unzusammenhängend und nicht wirklich zur Handlung beitragend. Aber dadurch habe ich die Figuren immer besser kennen gelernt. Zumindest für mich (ich hoffe auch für die Leser) sind Lex und auch seine Freunde inzwischen Figuren, die ich in jede Situation stecken könnte und ich wüsste immer genau, wie sie reagieren würden.
 Erst 2010 habe ich dann das, was ich inzwischen eingetippt hatte, überarbeitet und einen zusammenhängenden Roman daraus gemacht. Dieses Verfahren wollte ich aber nicht beibehalten, da ein Roman in fünf Jahren nicht besonders produktiv ist.
Mein Fazit für mich selbst heißt jetzt, Leute beobachten, Bücher analysieren, mehr Zeit lassen. Bei "Verführung eines Gentelman" werde ich meine Figuren noch einmal ganz genau befragen und versuchen, ihnen einige prägende Details zu entlocken. Ich werde sie eine Weile mitnehmen (auf Spaziergänge, Busfahrten, beim Einschlafen), sie in alltägliche und nicht alltägliche Situationen stecken, versuchen, sie bei etwas zu ertappen, was ich noch nicht über sie weiß. Und dann hoffe ich, dass es mir gelingt, sie einigermaßen lebendig wirken zu lassen.

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