Samstag, 22. Juni 2013

eBook-Rezension: Absolut Talentfrei von Art-Sensei


Ich rezensiere ja nur Sachen, die mir gut gefallen und ich habe mir vorgenommen, alles zu rezensieren, was mir gut gefällt und irgendwie was mit LGBTI-Themen zusammenhängt. Deshalb rezensiere ich jetzt auch online frei verfügbare Texte, von Fanfiktion, boyxboy oder anderen Seiten. Besonders, wenn ich finde, dass die Texte mehr Aufmerksamkeit verdienen. Texte im Netz müssen nicht schlechter sein als gedruckte Bücher oder ebooks, die man kaufen kann. Ganz im Gegenteil. Die letzten beiden Texte, die ich auf Fanfiktion gelesen habe, haben mir besser gefallen, als die meisten Bücher, die ich je im Genre als Buch gelesen habe. Da der Markt ja in Deutschland nicht besonders groß ist, denn die Leserschaft ist zwangsweise begrenzt, haben es deutsche Autoren nicht gerade leicht, bei größeren Verlagen zu erscheinen. Oder wisst ihr ein Jugendbuch mit schwuler Hauptfigur eines deutschen Autoren/in, das in den letzten zehn Jahren bei einem größeren Verlag erschienen ist? Ich jedenfalls weiß keines, da fällt mir immer nur David Levithan ein. Bei Büchern für Erwachsene gibt es zwar öfter mal Ausnahmen, und es gibt ja auch einige spezialisierte deutsche Verlage, aber da Absolut Talentfrei mit dem Coming-Out und ersten Verliebtsein für mich ins Jugendbuchgenre fällt, habe ich mir darüber mal Gedanken gemacht.
Im Internet lassen sich jedenfalls eine Menge ziemlich guter (natürlich auch ziemlich schlechter) Texte für Jugendliche und für Erwachsene finden. Und seit ich einen eBook-Reader habe, lesen sich die auch gut und schnell.

Ihr findet Absolut Talentfrei hier auf Fanfiktion. Da kann man sich alle Texte auch als eBook runterladen.

Jetzt aber zur eigentlichen Rezension: Absolut Talentfrei, das ist Sam nach eigener Angabe. 16 Jahre alt, in der zehnten Klasse, hat Sam sich bisher noch nie verliebt. Nur mit seinem besten Freund Iven hat er schon mal ein bisschen ausprobiert. Aber dann kann Sam sich plötzlich vor Verehrern gar nicht mehr retten. Blöd nur, dass man sich nicht immer in denjenigen verliebt, der einen auch zurückliebt.
In Absolut Talentfrei gibt es eine ganze Reihe von wunderbaren Charakteren. Da ist zunächst Sam selbst, eigentlich ja Außenseiter in der Klasse, denn er ist ja Indie und will mit den Hipstern nichts zu tun haben. Dass er so viel Wert auf sein Aussehen legt und seinen Rockabilly-Stil pflegt, hat natürlich gar nichts damit zu tun, dass er schwul ist. Und wie kommt Cameron, der amerikanische Austauschstudent überhaupt darauf, ihn nach einem Date zu fragen? Cameron ist zwar der Schwarm der Klasse, gutaussehend, süß, Musiker, aber leider gar nicht Sams Typ. Denn Cameron ist der typische Sunnyboy - immer lächelnd, aber nicht besonders intelligent.
Als Sam dann auch noch beinahe mit einer Klassemkameradin schläft und sich dann in einen sieben Jahre älteren Türsteher verliebt, überschlagen sich die Ereignisse.

lest weiter:

 
Absolut Talentfrei ist definitiv etwas für Fans von David Levithan oder John Green. Es ist aber keine typische Teenieromanze. Denn dafür sind die Figuren viel zu realistisch gezeichnet und haben mehr Tiefe als in den meistenTeenieromanzen. Sam und Iven lesen in ihrer Freizeit Psychologiebücher, Sam schmeißt mit literarischen Referenzen um sich, er reflektiert permanent über sich selbst. Doch dass er einsieht, dass er manchmal ein Arschloch ist, lässt ihn trotzdem nicht besser handeln. Einige Male möchte man Sam schlagen und wünscht sich fast, der arme Cameron möge sich in einen anderen verlieben. Aber Sam ist als Erzähler gerade wegen seiner Schwächen ungemein liebenswert. An einigen Stellen erinnert Absolut Talentfrei ein wenig an Glee (was nicht wundert, die Autorin schreibt auch Gleefanfiks), so wenn Iven sich in den gutaussehenden Schwarm seines Schulchores verliebt, den er ja eigentlich gar nicht mag. Denn Cas ist ein Aufreißer und Iven ein hoffnungsloser Romantiker. Aber sogar der so perfekt und glücklich wirkende Cas hat ein düsteres Geheimnis. Dass nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch die Nebencharaktere so viel Tiefe entwickeln, macht Absolut Talentfrei zu etwas Besonderem. Der Grund, dass ich so viele Jugendbücher schnell abbreche ist, dass ich mit Mädchen, die sich als Mauerblümchen fühlen, aber plötzlich mit dem gutaussehenden aber ansonsten eigenschaftslosen Schulschwarm zusammenkommen, nichts anfangen kann. Vor allem werden 16-jährige in Jugendbüchern häufig wie Zwölfjährige dargestellt, da die Bücher ja auch von Zwölfjährigen gelesen werden. Das hier ist natürlich nicht als Jugendbuch gekennzeichnet, es ist ja (noch) nicht als Buch erschienen, daher ist es erfrischend über Jugendliche zu lesen, die ähnlich waren, wie ich in dem Alter. Denn 16-jährige interessieren sich nicht nur für ihr Aussehen - wie habe ich damals Philosophiebücher verschlungen, Hesse gelesen, Indiemusik gehört, und natürlich niemals zum Mainstream gehören wollen. Allein dass Sam einen Rockabilly-Stil hat, finde ich toll. Ich liebe den Stil und man liest selten über Figuren, die sich so kleiden. Ich glaube, ich hätte Sam ziemlich cool gefunden, wenn er in meine zehnte Klasse gegangen wäre.

Art-Sensei schafft es, einen komplett in die Geschichte eintauchen zu lassen und es entwickelt sich ein Sog der Ereignisse, der es mir kaum ermöglichte, meinen eBook-Reader aus der Hand zu legen.
Auch stilistisch hält der Text ein hohes Nivea. Sams Art die Welt zu sehen ist einfach unvergleichlich und immer wieder gibt es lustige Stellen und schöne Vergleiche. Es gibt keine Längen und Tippfehler habe ich nur wenige gefunden.
Nur das Ende kam mir ein wenig gehetzt vor, hier hätte ich mir gewünscht, die Autorin hätte sich etwas mehr Zeit gelassen. Besonders die süßen Gespräche zwischen Sam und Iven habe ich am Ende vermisst. Aber wer weiß, eine Fortsetzung hat sie angekündigt. Hoffen wir, dass sie sie auch schreibt, denn ich würde wirklich gerne mehr über Sam, Iven, Cameron und Cas lesen.
Insgesamt bin ich jedoch ziemlich beeindruckt, wie die 21-jährige Autorin (vielleicht gerade weil bei ihr die Teeniezeit noch nicht so lange her ist) gestandene Jugendbuchautoren locker in die Tasche steckt.




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